20 Jahre in Freiheit gelebt?!

(SNW) | 12. Juni 2014

Ein Kommentar von Simon Jekosch.

Gericht2Am 11. Juni 1994 wurde der § 175 StGB aus dem deutschen Strafrecht endgültig gestrichen. Seit der Einführung des Paragraphen im Jahre 1872, sind allerdings mehr als 140.000 Männer verurteilt worden. Warum? Weil sie Männer begehrten, sie liebten und ihre Gefühle auch in einem sexuellen Akt zum Ausdruck bringen wollten. In der Zeit von 1946 bis 1994 gab es fast 65.000 Urteile. Einige von diesen sind als verurteilte Verbrecher verstorben, andere leben noch heute mit dieser unwürdigen und unmoralischen Last. Eine unglaubliche Vorstellung für uns, die den Paragraphen nicht erlebt haben. Heute ist das in Deutschland undenkbar. Oder? Wie ist denn in Deutschland die Lage für schwule Männer heute, 20 Jahre später?

Ich erlebe häufig, dass Menschen, die sich wenig bis gar nicht mit Geschichte und unserer Rechtsprechung beschäftigen, nicht wissen, dass sexuelle Handlungen zwischen Männern gesetzlich verboten waren. Wenn ich ihnen davon erzähle, bemerke ich wie überrascht und schockiert sie reagieren. Diese Menschen haben den Paragraphen nicht erlebt, sie gehören zu einer jungen Generation. Ich selbst war erst 5 Jahre, als der Paragraph gestrichen wurde. Auch ich finde es schrecklich, wenn ich mir nur vorstelle in einer Zeit zu leben, in der ich meine sexuelle Neigung gegenüber Männern verstecken muss. Eine Zeit in der ich Angst haben muss, erwischt und verurteilt zu werden. Der § 175 ist ein Paragraph, der die Menschenrechte stark begrenzte, ein Paragraph, der liebende Männer zu Verbrecher machte und ihnen einen Großteil ihrer Würde raubte.

Freie Entfaltung der eigenen Identität?

Seit 20 Jahren leben wir nun ohne strafrechtliche Verfolgung. Seit der Abschaffung des § 175, dürfen schwule Männer endlich ihre sexuelle Orientierung frei entfalten. Wir dürfen! Aber tun wir es auch? Ich beschäftige mich schon länger mit nicht-heteronormativem Leben in Deutschland und bemerke, dass noch viel zu tun ist, damit in unserem Land alle vielfältigen Lebensweisen ohne Diskriminierung ausgelebt werden können. Es gibt Vereine und Gruppen, die sich mit diesem Thema auseinandersetzen und sich für unsere Lobby stark machen. Ich bin stolz diesen anzugehören und auch ein Großteil meiner Freunde findet mein Engagement gut. Andere Freunde verstehen es leider nicht. Sie finden unsere Arbeit überflüssig. Welche Argumente sprechen ihrer Meinung nach dafür, dass diese Arbeit überflüssig ist? 

Das Steuerrecht der eingetragenen Lebenspartnerschaften wird immer mehr der Ehe angeglichen und wir haben das Recht der Sukzessivadoption bekommen. Zudem ist der Großteil unserer Gesellschaft aufgeklärt und sie tolerieren uns. Was wollen wir denn noch mehr?

Man wird ja wohl noch sagen dürfen …

Manchmal habe ich das Gefühl ich lebe in einer anderen Welt als dieser Teil meiner Freunde. Nein, ich lebe nicht in einer anderen Welt, aber ich verschließe auch nicht meine Augen. Sind die Menschen in Deutschland wirklich so tolerant? Meiner Meinung nach, werden wir wie Menschen zweiter Klasse behandelt. Uns werden Rechte nicht gewährt, die für heterosexuelle Menschen selbstverständlich sind. Sei es das Adoptionsrecht oder die Ehe. In deutschen Schulen werden Kinder und Jugendliche gemobbt und ausgegrenzt, wenn diese sich anders verhalten, als die Mehrheit. Ich bin dieser Last aus dem Weg gegangen, indem ich mich nicht in der Schule geoutet habe. Zudem war mein inneres Coming-Out auch erst spät, sodass die Schulzeit fast vorbei war. Dennoch habe ich mitbekommen wie in der Schule über vermeintlich Schwule gelästert wurde.

Manchmal habe ich Angst, mit meinem Partner händchenhaltend durch die Straßen zu ziehen und ihn zu küssen. Nicht tagsüber, wenn viele Menschen unterwegs sind, aber nachts in bestimmten Regionen. Ich habe es erlebt in unserer so toleranten Stadt Köln. Es war an einem CSD-Wochenende. In einer Nacht wurde ich am Bahngleis von einem Jugendlichen angegriffen, gestärkt von seiner Gruppe, die nicht weit weg stand. Und was ist mit den Menschen, die nichts gegen Schwule haben? Sagen sie es aus Überzeugung oder nur weil es politisch korrekt sein soll? Wie denken sie wirklich? Immerhin gibt es genug Menschen, die sich öffentlich dazu bekennen, dass sie nichts gegen Schwule haben, solange sie nichts mit „Denen“ zu tun haben müssen. Dies zeigt doch, dass immer noch Vorbehalte gegenüber uns existieren. Und was ist mit den Menschen, die ganz offensichtlich Homosexualität ablehnen?

Sven Heibel, CDU-Politiker, schreibt auf seiner Facebook-Seite, dass der Paragraph 175 in seinem StGB vorhanden bleibt. Zu seinem Kommentar schreibt er dann: „Er spiegelt meine e i g e n e Meinung wieder, und diese ist von der Meinungsfreiheit unserer Verfassung gedeckt“. Sven Heibel und viele andere Menschen, die sich homophob äußern, verteidigen ihre Aussagen mit dem Hinweis auf ihre Meinungsfreiheit. Ich möchte ihnen die Meinungsfreiheit nicht nehmen, aber ich muss deren Meinung auch nicht akzeptieren oder respektieren, weil sie intolerant und diskriminierend ist. Sven Heibel sagte in einem Gespräch mit dem SWR, dass er es nicht schön fände, wenn er Schwule sieht, die öffentlich knutschen. Man könne doch im Versammlungsrecht regeln, dass „bestimmte Dinge“ öffentlich nicht mehr erlaubt sind. Das gleicht einer Beeinträchtigung des Rechts auf freie Entfaltung der Persönlichkeit.

Der Paragraph 175 wurde gestrichen, aber die Abneigung gegenüber schwulen Männern ist noch immer zu spüren. Wir sind keine Verbrecher mehr, wir waren es nach meiner Weltanschauung nie, aber wir werden von manchen Menschen zurückgestoßen, als wären wir Verbrecher.

Lösung: Sich der Mehrheit anpassen!?

Freunde, die meine Arbeit überflüssig finden, fühlen sich nicht wie Menschen zweiter Klasse. Wenn ich recht überlege, verstehe ich auch warum. Sie wollen keine Kinder adoptieren, sie wollen nicht heiraten und sie müssen nicht unbedingt in der Öffentlichkeit mit ihren Partnern rumknutschen. Sie werden in der Gesellschaft akzeptiert. Aber wie? Sie sind nicht mehr in der Schule, sie engagieren sich nicht in kirchlichen Einrichtungen oder anderen konservativen Vereinsstrukturen. Und selbst wenn doch, haben sie keine Probleme, weil sie sich den hetero-normativen Verhaltensweisen anpassen können. Solange sie sich nicht „schwul benehmen“, werden sie auch nicht als Schwule wahrgenommen. Sie genießen sogar Anerkennung, weil sie berufliche Erfolge feiern können und viel Geld verdienen. Wer meine Arbeit nicht zu würdigen weiß, der ist wahrscheinlich zu sehr auf sich fixiert. Denen interessiert es wohl nicht, dass es Menschen gibt, die sich nicht anpassen können und/oder wollen. Ich kann mich anpassen, aber ich will es nicht.

Der Paragraph 175 wurde nicht einfach so abgeschafft. Es gab Menschen, die für ihre Rechte gekämpft haben. Diesen Menschen sollten wir Dank und Respekt entgegen bringen. Durch sie dürfen wir unsere sexuelle Orientierung, unsere Persönlichkeit frei entfalten. Wir dürfen! Und wir sollten auch!

Diese Menschen haben nicht dafür gekämpft, dass wir uns heute immer noch verstecken. Sie hatten ein Ziel und dieses Ziel ist noch nicht erreicht: Freiheit, Sichtbarkeit und Chancengleichheit.


SimonSimon Jekosch, Jahrgang 1989, ist Bachelor-Absolvent der Universität Paderborn. Seit Oktober 2013 leistet er seinen Bundesfreiwilligendienst beim Schwulen Netzwerk NRW. Er hat die Hirschfeld-Tage in NRW mitorganisiert und koordiniert. Zudem unterstützt er die ARCUS-Stiftung und das Aufklärungsprojekt „SchLAu“. Ein weiteres Vorhaben ist die Entwicklung von Aufklärungsarbeit in Sportvereinen.

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