Da hilft nur eins …

(SNW) | 17. Oktober 2014

SexuelleVielfalt2Zu der Zeitung ohne den klugen Kopf und einer wortreichen Verdächtigung – Wie die FAZ Rufmord an Aufklärungsprojekten begeht

Ein Kommentar von Steffen Schwab.

Aua. Die Leute, die an Schulen in Sachen sexueller Aufklärung unterwegs sind, richten Schaden bei Kindern an. Das ist, ganz vorsichtig formuliert, die Quintessenz eines Artikels, den die Berliner Journalistin Antje Schmelcher mit über 1800 Worten in der FAZ platzieren konnte. „Experten warnen vor zu früher Aufklärung von Kindern“, steht in der Unterzeile – das verschafft Autorität. „Unter dem Deckmantel der Vielfalt“, heißt die Schlagzeile. Und damit ist eigentlich auch schon das Vorgehen der Autorin abgesteckt, die nun munter eine Verdächtigungskette strickt, in die sie möglichst viele Personen und Institutionen einbezieht und beschädigt. Um zielsicher da anzukommen, wo sie von Anfang an hin will: zu einer Verbindung zwischen ehrenamtlichen Akteuren in Bildungsprojekten wie SchLAu und den Protagonisten der in den 1980er und 1990er Jahren geführten Pädo-Debatten. 

Kalter Kaffee, könnte man denken und das Werk achselzuckend ablegen. Mit der Erkenntnis, dass Projekte wie SchLAu, in NRW unter dem Dach des Schwulen Netzwerks, und Akzeptanzkampagnen wie „Anders und gleich – nur Respekt wirkt“ wohl noch lange arbeiten müssen, damit Menschen, die in der heterosexuell normierten Mehrheitsgesellschaft eine Minderheit sind, in eben dieser Gesellschaft gleichberechtigt leben können. Könnte man denken. Wenn wir nicht von dem Zusammenspiel von Homophobie und der Diskriminierung und Verfolgung anderer Minderheiten wüssten, wie sie erst vor zwei Jahren in der NRW-Studie zur „Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ deutlich geworden ist. Und siehe da: Im Netz wird das Werk aus der Zeitung, die mit dem klugen Kopf wirbt (der, nehmen wir es zu seinen Gunsten einmal an, wohl gerade verhindert war), ganz schnell von den einschlägigen Hetzern von „Junger Freiheit“ über „Pro“ bis „AfD“ aufgesogen.

Also gut: Aufklärer kommen in die Schule und lassen Kinder, natürlich bei geschlossenen Vorhängen und nach Entfernung des staatlichen Lehrpersonals, Analverkehr üben. Oder Bordelle planen. Oder mit Dildos spielen, die sie sich vorher – Hausaufgabe? – selbst beschafft haben. Diese Darstellung, natürlich nicht aus der Praxis der Schulaufklärung, sondern aus einem Vierteljahrhundert-Fundus durchaus umstrittener Theoretiker-Modelle zusammengeklaubt, ist so gehaltvoll wie die Behauptung, dass das Schwule Netzwerk schuld am Berliner Großflughafen-Desaster sei, weil es Bürgermeister Klaus Wowereit 2003 mit der Kompassnadel ausgezeichnet hat. Oder Volker Jung, der Kirchenpräsident in Hessen-Nassau und Kompassnadel-Preisträger von 2014: Macht sich das Netzwerk da nicht mitschuldig an den Hexenverbrennungen? Nein, dazu hat sich bis jetzt noch niemand verstiegen. Nebenbei: Die Mathe-Textaufgabe, in denen nur Häuser ohne „Vater, Mutter, Kind“ vorkommen, verweist Antje Schmelcher von sich aus ins Reich der Phantasie. Dabei gibt es d i e wirklich: Häuser, in denen nur Regenbogenfamilien, schwule oder lesbische Paare wohnen. Und sogar Arbeitsstätten, ob Büro oder Betrieb, nur mit Schwulen oder nur mit Lesben.

Eine „regelrechte Gehirnwäsche“ nehmen die Aufklärer vor, die mit der „SchLAuen Kiste“ in den Unterricht kommen. Schreibt nicht Frau Schmelcher, sondern ein katholischer Verein aus dem Siegerland. Nicht heute, sondern vor 15 Jahren. Ähnlich weit und dann noch viel weiter zurück muss aber auch die FAZ-Autorin rudern, um zu ihrem Ziel zu kommen. Und das geht so: Die Geschichte beginnt mit der Landesarbeitsgemeinschaft Jungenarbeit und deren Aufklärungsangebot (NRW), geht weiter über den Bildungsplan für Baden-Württemberg und landet bei der ebenfalls in diesem Jahr geführten Debatte in Niedersachsen. Ein paar verräterische Formulierungen über Kinder, die sich „anders“ (als wer?) entwickeln,und über „muslimische Verbände“ und „ausländische Eltern“ (alle schon ausgebürgert?) gehen bis dahin durch.Verbände wie Pro Familia und Institutionen wie die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hat Frau Schmelcher auf dem Weg schon mal mitverhaftet.

Und dann ist die Autorin, deren Pubertät biografisch von Kohls geistig-moralischer Wende begleitet worden sein dürfte, ganz schnell da, wo sie von Anfang an hin will: bei der neoemanzipatorischen Sexualforschung („sogenannt“), bei den Kinderläden (Achtung: 1968!), bei der Odenwaldschule, bei Wissenschaftlern wie Uwe Sielert, Helmut Kentler, Elisabeth Tuider. Letzterer soll zum Verhängnis werden, dass sie 2008 (!) einen Nachruf für Kentler gemeinsam mit Rüdiger Lautmann verfasst hat, der 1994 (!) über „Die Lust am Kind. Porträt des Pädophilen“ geschrieben hat, Ja, die ganze Blase – sie sagt das natürlich distinguierter – sei „gut vernetzt“. Den Hinweis versteht, wer auch sonst dem Gerede von Verschwörungen auf den Leim geht. Wobei, wenn man denn schon so argumentieren mag, auch die Bruder- und Schwesternschaft der publizistischen Gesinnungsfreunde, die sich im Kampf für die Wiederherstellung eines untergehenden Welt- und Gesellschaftsbildes die Stichworte und Fundstellen zuspielen, leicht zu findende Spuren zieht.

SexuelleVielfalt1Nein, die „Homolobby“ kommt hier nicht vor, obwohl sie gut hingepasst hätte. Dafür „Sexualpädagogik weiter denken“: An dem Buch hat Frau Schmelcher der Untertitel „Postmoderne Entgrenzungen“ so gut gefallen, dass sie dessen zweite Hälfte („…. und pädagogische Orientierungssuche“) gleich weggelassen hat. Dafür ist der Hieb auf den Wohlfahrtsverband Volkssolidarität (Achtung: DDR!) eine vergleichsweise schwache Alternative. Auch wenn die evangelische Kirche vorher doch noch ihre Packung abkriegt. Und ganz am Schluss, natürlich, ein Staatsanwalt zu Wort kommt, anonym. Versteht sich.

Es reicht. Um mitzubekommen, was ich eigentlich sagen will, hättet ihr bis hierhin nicht lesen müssen – wahrscheinlich hat da schon was abgefärbt. Gegen so was hilft eben nur eins: Aufklärung. Vielleicht sollte man die 1832 Wörter aus der FAZ mit in die SchLAue Kiste packen: Dann können die Jugendlichen den Brunnenvergiftern per Textanalyse den Schafspelz ausziehen. Bei geöffnetem Vorhang.

 

Illustration aus dem Buch: Timmermanns, Stefan, Tuider, Elisabeth (2008): Sexualpädagogik der Vielfalt: Praxismethoden zu Identitäten, Beziehungen, Körper und Prävention für Schule und Jugendarbeit, Weinheim & München

 

CSD-Empfang 2017
CSD-Empfang 2017

Am 08. Juli findet wieder unser jährlicher CSD-Empfang im Kölner Gürzenich statt. Anmeldung erforderlich.
> weiterlesen