Festrede von Arne Kayser zum CSD-Empfang 2017 – Teil 2

Meine Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde,

bleiben wir bei aller Kritik nach außen nicht unkritisch nach innen. Ich komme beim CSD-Empfang im Kölner Gürzenich nicht drumherum, etwas zu den Kölner Ereignissen der letzten Monate zu sagen. Der Cologne Pride ist in die Schlagzeilen geraten. Die Diskussionen darüber haben unserer Community deutlich geschadet.

Kayser_2017_2Ohne auf die Details hier näher einzugehen, hat diese Krise eins sehr deutlich gemacht: Für das Zusammenleben, Zusammenarbeiten und Zusammenfeiern einer Community sind verlässliche Strukturen wichtig, ja unerlässlich. Hier in Köln hat sich gezeigt, dass, als es brenzlig wurde, die Kölner Vereine und Organisationen zusammengehalten haben.

Das zeigt sich eindrucksvoll in den Forderungen des Kölner Community Bündnisses, die von vielen Gruppen und Einzelpersönlichkeiten unterzeichnet wurden. Viele Vereine haben daran mitgewirkt und ich finde, bei aller Kritik, die es in so einem Gefüge immer mal wieder zu äußern gilt, kann man Köln zu solch einer Community nur gratulieren. Wie ihr wisst, komme ich aus dem Ruhrgebiet und weiß, dass das nicht in allen Kommunen so gesagt werden kann. Auf die Kölner Strukturen können wir uns verlassen.

Daher gilt unsere Wertschätzung allen, die sich hier in dieser Stadt und überall im Land zum Teil seit vielen, vielen Jahren, in den Strukturen der Community engagieren. Die Entwicklungen zeigen uns aber auch, wie wichtig Nachwuchsförderung ist. Wenn wir nicht jüngere Leute ranlassen, sie mitarbeiten und sich qualifizieren lassen, werden eines Tages Großveranstaltungen wie dieser ColognePride, aber auch kleine ehrenamtliche Aktionen im ganzen Land nicht mehr möglich sein. Wir müssen da mehr tun, sonst wird sich der Nachwuchs nicht für die Community engagieren.

In den besagten Forderungen des Kölner Community Bündnisses zeigt es sich solidarisch mit Lesben, Schwulen, Trans*, bi- und intersexuellen Menschen weltweit und hier in der Stadt, fordern Vielfalt in der Bildungspolitik, die Stärkung von Regenbogenfamilien ebenso wie Jugendlichen und Älteren unter, Schutz für LGBTI*-geflüchtete Menschen und natürlich die Sicherung der HIV- und STI-Prävention!

Die hier schriftlich formulierte Solidarität ist im richtigen Leben leider nicht selbstverständlich. Wer selbst diskriminiert wurde, ist nicht davor gefeit, andere zu diskriminieren. Allein wer in die einschlägigen Internetportale schaut, stößt nicht selten auf Vorbehalte und klare Ansagen, Alte, Dicke und Tunten könnten sich beispielsweise das Anklicken sparen.

Ich sage: mehr Alte, mehr Dicke und mehr Tunten in die Öffentlichkeit!

Das heißt aber auch, kein Naserümpfen, kein Abdrängen und keine Ausgrenzung, wenn diese Menschen in unseren Kreisen auftauchen. Schwules Leben, schwule Kultur hat immer alle umfasst, die Paare wie die Singles, die seriell Monogamen wie die promisken Ehemänner. Es darf nicht angehen, dass die Gesellschaft nur die Schwulen und Lesben akzeptiert, die heiraten und so leben, wie andere Ehepaare auch. „Ehe für alle“ darf nicht zur bürgerlichen Norm und zur Verspießerung schwulen Lebens führen.

Auch LSBTIQ* sind nicht vor den Versuchungen der Rechtspopulisten gefeit. Nicht selten hört man auch in unserer Community unsolidarische Töne, die man doch noch mal sagen dürfen muss. Ihr habt es hoffentlich in der Einladungskarte zum heutigen CSD-Empfang gelesen: „Die Aidshilfe NRW und das Schwule Netzwerk NRW stehen für Solidarität, Vielfalt und Demokratie. Der Respekt vor unterschiedlichen Lebenswelten, Kulturen und Geschlechtern bildet die Grundlage unserer Arbeit. Ausgrenzung, Rassismus und Rechtspopulismus widersprechen unserer Haltung.“ Wer die fundamentalen Werte der freiheitlich-demokratischen Grundordnung in Frage stellt, der gehört nicht in unsere Mitte, der kann nicht Teil unserer Community sein!

Wenn wir sagen „Refugees Welcome“, dann meinen wir das auch so.

Schluss_2017_1Geflüchtete LGBTI* gehören zu uns, sie sind uns willkommen und wir hoffen, dass sie in unseren Reihen ein gutes neues Zuhause finden. Seit Beginn der Aidshilfe arbeiten wir für die Akzeptanz und gegen die Diskriminierung von Menschen mit HIV. Ja, es ist weniger geworden, aber noch immer werden Schwule mit HIV ausgegrenzt. Wir wollen in einer Community leben, in der niemand Angst vor Ausgrenzung hat und sich deswegen auch nicht zum Test traut.

Mit der PrEP etabliert sich gerade ein neues Instrument der Prävention, das unser schwules Zusammenleben verändern wird. Abgesehen vom Kondom, das von beiden Sexpartnern gehandhabt werden muss, können mit der PrEP erstmals Menschen aktiv etwas für ihren Schutz vor HIV tun. Wir streiten für den legalen und finanzierbaren Zugang zur PrEP in Deutschland und unterstützen die Deutsche AIDS-Hilfe in all ihren Aktionen, die verhindern, dass nach 2020 in Deutschland noch Menschen an Aids erkranken müssen. „Kein Aids für alle“ heißt aber auch keine Diskriminierung für alle, weder für die, die eine PrEP haben wollen, noch die, die weiterhin Kondome nutzen möchten, noch die, die mit einem positiven Testergebnis konfrontiert werden.

So vieles ließe sich hier anschließen, es bleibt noch so viel zu tun, in unserer Community und in unserer Gesellschaft. Vergessen wir niemanden, der sich uns zugehörig fühlt oder der auf unsere Stimme angewiesen ist, nicht die Transsexuellen, nicht die Intersexuellen, vor allem, das muss man auf so einem CSD-Empfang ausdrücklich sagen, auch nicht die vielen Lesben, die für die gleichen Ziele kämpfen und einstehen und die immer solidarisch waren mit der schwulen Community.

Ich schließe mit einem Zitat aus einem der einschlägigen Blogs im Netz, der auf die unveränderte Hetze homofeindlicher Mitmenschen mit dem Satz reagiert: „Die Geschichte ist einen Schritt weitergegangen, und sie haben sich entscheiden, diesen Schritt nicht mitzugehen. Jetzt kann ich ihnen helfen, wenn sie das wollen. Aber ich bin nicht mehr der, der hier infrage steht.“

„NIE WIEDER“ – Unser Engagement ist ungebrochen, die politische Arbeit geht weiter.

Bleiben wir aufmerksam, bleiben wir kritisch und bleiben wir kämpferisch. Happy Pride, einen schönen CSD und Glück auf allen, die hier sind!