Laudatio von Dr. Marie Sichtermann für Manfred Bruns zur Verleihung der Kompassnadel 2017

(SNW) | 13. Juli 2017

Sichtermann_1Am 8. Juli 2017 verlieh das Schwule Netzwerk NRW zum 17. Mal die Kompassnadel, diesmal an Manfred Bruns. Die Laudatio hielt Dr. Marie Sichtermann, Juristin, Unternehmerin und ARCUS-Stiftungsrätin. Hier gibt es Ihre Rede nochmal zum Nachlesen und Anschauen:

Liebe Festversammlung, lieber Manfred Bruns!

Ich freue mich, dass ich eine Laudatio für einen Mann halten darf, der bei Wikipedia „Vater der Abschaffung des § 175 StGB“ genannt wird und außerdem der Vater der Rehabilitierung verurteilter schwuler Männer ist. Die Ehe für alle ist auch sein Lebenswerk.

Da wird es ja Zeit mit dieser Ehrung!

Manfred Bruns war im System Justiz verankert, er war Bundesanwalt und ging auf die fünfzig zu, als er sich Mitte der 80er Jahre dem Generalbundesanwalt gegenüber zur Homosexualität bekannte. Ihm stellte sich die alte Menschheitsfrage: „flüchten oder standhalten?“ Ich habe damals als Richterin die Flucht gewählt, Manfred Bruns hat sich für das Standhalten entschieden, obwohl die Situation prekär war: Die Bundesanwaltschaft ist eine Strafverfolgungsbehörde und der § 175 sah noch einen Rest Strafbarkeit vor – bis 1994. Er wird gewusst haben, wie ein Machtapparat mit Menschen verfährt, die aus der Spur laufen. Was er dann real erlebt hat an Ausgrenzung und Demütigung wird seine Befürchtungen um ein Vielfaches übertroffen haben. Bis zur Frühpensionierung hatte er noch 6 Jahre auszuhalten zwischen Widerstand oder Anpassung.

In so einer Lage braucht ein Mensch dreierlei: Zuerst ein Ziel.

Was Manfred Bruns antrieb war, dass sich Lebensläufe wie seiner nicht wiederholen sollten, er wollte die Freiheit der Entscheidung, wie wir leben, begehren und lieben wollen, für alle in jeder Lebensphase.
Außerdem braucht man, die Gewissheit, von zwei Seiten Unterstützung zu bekommen: Von der Familie und von einer starken sozialen Bewegung. Seine Frau und seine 3 Kinder standen hinter ihm- das ist ja schon ein Wunder.

Und die Bewegung? Die, die heute hier im Gürzenich tagt, wuchs erst heran. In den 80ern waren die linke, die grüne, die Frauen- und Lesbenbewegung und die Schwulenbewegung bunt, anarchisch und subversiv. Manfred Bruns ging auf den realpolitischen Teil der Bewegung zu, in der er sein Wissen und Können als Jurist am besten einbringen konnte. Daraus wurde der LSVD mit einer breit angelegten Politik für alle nicht heteronormierten Menschen. So, wie der LSVD politisch gearbeitet hat, wünsche ich mir jede Politik: Mit Sachkenntnis aufgrund von Erfahrung, hohem Fachwissen, Leidenschaft und Beharrlichkeit, dazu ein Sinn für Symbolik, Humor und Herz. Der LSVD ist heute ein starker Lobbyverband, der auf Gesetzesänderung setzt und immer wieder Klagen bis zum BVerfG.



Diese Politik war zu Beginn auch in der Schwulenbewegung nicht unumstritten.

Wir Lesben haben uns eher von der heteronormierten Gesellschaft entfernt. Es gibt viele Wege zu einem selbstbestimmten Leben aus erster Hand. Sie alle müssen gegangen werden. Heute betrachte ich mit respektvollem Staunen die Erfolge der Realpolitik. Am meisten berührt mich die Rehabilitierung und Entschädigung homosexueller Männer, die nach dem § 175 verurteilt worden sind, den das BVerfG noch 1957 für anwendbar erklärt hatte. Ein schwarzer Fleck auf roten Talaren! Geltendes Recht wird ex post zu Unrecht – ein unglaublicher Vorgang. Das ist der Beharrlichkeit auch von Manfred Bruns zu verdanken. Seine Stellungnahmen, Plädoyers und Konzepte sind legendär und waren eine der Grundlagen für den allmählichen Wandel des Rechts.

Woher kommt so viel Energie?

Ein anderer alter Jurist, Alexander Kluge, Filmemacher, Autor, Philosoph, kann das erklären. In einem brandneuen Interview im ‚Philosophie Magazin‘ sagt er sinngemäß: Die Libido ist ein Lebewesen in uns, das unseren Charakter, unser Begehrungsvermögen, unsere offensiven Fähigkeiten erzeugt. Diese Libido – was die alles kann! Und noch etwas hat Kluge Manfred Bruns auf den Leib geschrieben! Er ist der Überzeugung, dass wir viel zu alte und komplexe Lebewesen sind, um durch irgendeinen Apparat, der sich uns als Objektivität gegenüberstellt, zähmbar zu sein. Das macht Mut. Kluge spricht hier von Algorithmen, doch auf die Justiz passt es auch. Dieser Apparat konnte Manfred Bruns nicht unterwerfen und zähmen. Er hat ihn stehen lassen und selbst Gesetzgebungsgeschichte gemacht.

Wer noch nicht weiß, wohin mit dem Kreuz bei der nächsten Wahl, kann in der Festschrift für Manfred Bruns, herausgegeben von der Hirschfeld-Eddy-Stiftung, nachlesen, welche Parteien mit welchen Begründungen die Streichung des § 175 über Jahrzehnte verschleppt und die Rehabilitierung verurteilter Homosexueller behindert haben. Das sind dieselben, die sich jeder Art von Chancengleichheit entgegenwerfen.

Bei all dem Jubel und Trubel der letzten Wochen müssen wir doch wachsam – und, wie ich finde, distanziert bleiben.

Wie kennen die heteronormierte Gesellschaft gut, weil wir in ihr leben, sie uns aber nicht in gleichem Maße. Wir wissen nun, dass wir das Recht bis hin zum Verfassungsrecht beeinflussen können. Mit unserem faktischen Sein und unseren hartnäckigen Kämpfen finden wir Auswege, können nach Niederlagen aufstehen und weitermachen. Doch die Beunruhigung der Gesellschaft durch das Kratzen am binären Code der Geschlechterdualität entlädt sich immer noch in Feindseligkeit bis in die Familien, die Schulen, die Arbeitsplätze, auf der Straße. Sie nimmt nicht in dem Maße ab, wie das Recht und die Einsicht der Gerichte und Regierenden sich ändern. Unsere Menschenrechte sind nicht in Stein gemeißelt. Wir brauchen – außer viel Geld, um unsere Hilfsstrukturen aufrecht zu erhalten – Solidarität.

Noch ein Gedanke zum Schluss: Ich bekomme oft über unsere Netzwerke die Bitte, Forschungsvorhaben zu unterstützen. Ich fülle brav Fragebogen aus zu Art und Grad der Diskriminierung, die ich erfahren habe und ob ich an Kopfschmerzen, Angst und Schwindel leide. Ich warte immer vergeblich auf die Frage nach meiner subtilen Freude am Anderssein, an der eigenen Kultur und an der Freiheit, zu lieben wie ich will und ob nicht die Lust die Leiden kompensiert. Nie wird gefragt, wie gut es tut, gemeinsam mit anderen Erfolge zu haben und nach dem gesund machenden Effekt politischer Leidenschaft. Diese Tür ist doch vor einem Jahr weit aufgemacht worden. Wir haben noch im Ohr, was Carolin Emcke in ihrer Dankesrede für den Friedenspreis des Buchhandels gesagt hat – sinngemäß: Ich bin homosexuell, das ist nichts, das man sich aussucht, aber ich würde es mir wieder aussuchen zu sein, weil es mich glücklich gemacht hat.

Hat denn keine Stiftung Geld für diese Forschung?

Wenn sich die Glücksforschung endlich unserer Lebensweise zuwendet, muss als erster Manfred Bruns befragt werden, denn er ist es, er lebt es und strahlt es aus – und davon haben wir alle was!

Und nun Bühne frei für Manfred Bruns, dem ich von Herzen gratuliere!

Hier geht es weiter zur Dankesrede von Manfred Bruns.