Rede von Manfred Bruns zur Verleihung der Kompassnadel 2017


Sehr geehrte Damen und Herren, meine lieben Freundinnen und Freunde,

2017_Bruns_1ich habe schon einmal an diesem Pult gestanden, das war 2010. Damals habe ich die Laudatio auf die Preisträgerin Frau Leutheusser-Schnarrenberger gehalten, eine Politikerin, die ich sehr schätze. obwohl wir nicht immer einer Meinung waren. Jetzt stehe ich selbst hier. Das ist eine große Ehre, über die ich mich sehr freue und für die ich mich herzlich bedanke.

Aber mir ist dabei unwohl. Denn tatsächlich habe ich die Erfolge, die eben beschrieben worden sind, nicht allein erreicht. Ich war kein Einzelkämpfer, sondern hatte viele Mitstreiterinnen und Mistreiter. Einige haben mit mir zusammen in den achtziger Jahren begonnen, für die Emanzipation der Lesben und Schwule zu kämpfen. Sie waren damals sehr jung, sind noch heute eifrig mit dabei und werden sich mit Sicherheit weiterhin engagieren, da sie nicht wie ich aufhören müssen, weil ihre Kräfte nachlassen. Sie müssten eigentlich mit mir hier stehen. Aber das kann das Schwule Netzwerk vielleicht in den nächsten Jahren nachholen.

Ich stehe hier für eine Generation, die jetzt aus Altersgründen abtritt und die ihre Jugend in den vierziger und fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts erlebt hat.

Ich habe das gemacht, was für viele Schwule dieses Alters typisch ist. Ich habe die Einsicht, dass ich schwul bin, erfolgreich unterdrückt, weil Schwule damals von der Gesellschaft als Kriminelle und Asoziale ausgegrenzt wurden.

Diese Verleugnung ist damals nicht nur durch meine katholische Sozialisation, sondern auch dadurch begünstigt worden, dass man als unverheirateter junger Mann in dem kleinen katholischen Ort, in dem ich aufgewachsen bin, keine sexuelle Erfahrungen machen konnte. Damals wurden Hoteliers wegen Kuppelei bestraft, wenn sie einem unverheirateten Paar ein Hotelzimmer vermieteten. Eltern wurden wegen schwerer Kuppelei bestraft, wenn sie ihre erwachsenen verlobten Kinder bei einem Besuch gemeinsam in einem Zimmer übernachten ließen. Der Bundesgerichtshof hatte sogar verlangt, dass die Eltern notfalls die Polizei rufen müssten, um die Kinder zu trennen. Ich hatte deshalb, als ich mit 27 Jahren heiratete, noch keine sexuelle Erfahrung und hatte mir eingeredet, dass mein starkes Interesse an Männern in kurzen Badehosen und an Unterwäschekatalogen mit männlichen Models nach der Heirat sicher vergehen werde. Das war dann natürlich nicht der Fall.

Zu der erfolgreichen Verdrängung hat auch beigetragen, dass es damals keinerlei Sexualaufklärung gab.

Man konnte als junger Mensch Homosexualität nicht benennen. Homosexuelle wurden als Menschen beschrieben, die sich aus Überdruss auf abartige kriminelle Dinge einließen und asozial waren. Als ich 1953 mit 19 Jahren mein Studium an der Universität Bonn begann, wollte ich endlich genau wissen, wie der Geschlechtsverkehr funktioniert. Ich wollte mir deshalb das Buch „Die vollkommene Ehe“ des holländischen Frauenarztes van de Velde ausleihen, das 1926 erschienen war. In ihm hat van de Velde anschaulich beschrieben, welche Stellungen beim Sex möglich sind und welche davon lustvoller sind als die von der Katholischen Kirche propagierte Missionarsstellung. Das Buch wurde damals prompt ein Bestseller und natürlich vom Vatikan auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt. Als ich mir das Buch bei der Ausleihe abholen wollte, wurde mir gesagt, dass ich das Buch nicht mit nach Haus nehmen dürfe, sondern nur unter Aufsicht im Lesesaal lesen dürfe. Das habe ich dann auch getan.

Ich erzähle das hier so ausführlich, weil ich Ihnen einen plastischen Eindruck davon vermitteln will, welchen weiten Weg die Bundesrepublik seit ihrer Gründung zurückgelegt hat. Wir haben deshalb wirklich Grund zum Feiern. Aber unsere Erfolge sind gefährdet. Die neue Rechte setzt sich vehement für ein Verbot der Sexualaufklärung an den Schulen ein und beschwört die angeblich heile Welt der fünfziger Jahre. In Wirklichkeit waren die Familien damals nur äußerlich heil, während tatsächlich vieles im Argen lag.

Ich appelliere deshalb an die Community, sich nicht auf den Erfolgen auszuruhen.

Ihr müsst weiterhin aufpassen und Euch wehren, damit die Uhren nicht zurückgedreht werden und Zustände zurückkehren, wie sie bei uns in den fünfziger Jahren geherrscht haben. Diese schlimmen Zustände waren mir Motivation für mein politisches Engagement nach meinem Coming-out in den achtziger Jahren. Ich wollte mit dazu beitragen, dass es die Lesben und Schwulen in Zukunft leichter haben. Das ist mir zusammen mit meinen Freundinnen und Freunden in einem Ausmaß gelungen, das wir uns nicht haben vorstellen können.

Während mein Vorgesetzter, der Bundejustizminister, 1985 nach meinem öffentlichen Coming-out hat prüfen lassen, ob gegen mich ein Disziplinarverfahren durchgeführt werden muss, haben wir heute in den höchsten politischen Ämtern Lesben und Schwule, die sich offen zu ihrer homosexuellen Orientierung und zu ihren gleichgeschlechtlichen Partnerinnen und Partnern bekennen, ohne dass das ihrer politischen Karriere Abbruch tut. Eltern von homosexuellen Kindern brauchen deshalb nicht mehr zu befürchten, dass ihren Kindern ein schwerer Lebensweg als Asoziale und Kriminelle bevorsteht, sondern können durchaus hoffen, dass ihre Kinder trotz ihrer homosexuellen Orientierung ein gutes Leben haben werden. Sie brauchen auch nicht die Hoffnung auf Enkelkinder völlig aufzugeben. Denn in vielen Lebenspartnerschaften wachsen heute Kinder auf und zwar sehr gut.

2017_Bruns_2Lesben und Schule waren noch in den neunziger Jahren praktisch unsichtbar.

Die Besucher unserer Infostände haben uns damals oft gesagt, dass sie keine Lesben und Schwulen kennen, die gebe es in ihrem Umfeld nicht. Das hat sich durch das Lebenspartnerschaftsgesetz, das wir durchgesetzt haben. grundlegend geändert. Heute begegnen fast jedem an seinem Arbeitsplatz, in seiner Nachbarschaft und in seiner Großfamilie Menschen, die mit einer gleichgeschlechtlichen Partnerin oder einem gleichgeschlechtlichen Partner verpartnert sind. Und viele Kolleginnen und Kollegen haben deren Hochzeit mitgefeiert. Auf diese Weise haben die Heteros erfahren, dass die Homos stink normal sind und dieselben Macken haben wie die Heteros.

Ich bin jetzt natürlich versucht, Ihnen zu erzählen, wie wir das durchgesetzt haben, obwohl wir anfangs nur sehr wenige waren und auch heute nur ein kleiner Haufen Aktiver sind. Aber das wäre ein eigener Vortrag.

Ich will aber wenigstens das Wichtige erwähnen, das unseren Erfolg möglich gemacht hat: Am wichtigsten war, dass wir trotz vieler Rückschläge und Enttäuschungen uns immer wieder aufgerappelt und weiter gemacht haben. Ich habe oft gedacht, jetzt ist es aus, wenn wieder ein Gericht uns abgeschmettert hatte. Das ist uns 2008 sogar beim Bundesverfassungsgericht passiert. Aber wenn mir dann nach der Analyse der ablehnenden Entscheidungen klar wurde, mit welchen fiesen Tricks die homophoben Richter uns abgewimmelt hatten, verdrängte schon bald die Wut die depressive Stimmung und mein Entschluss stand fest, dass diese homophoben Richter nicht das letzte Wort haben sollten.
Nun noch einige Worte zu mir persönlich. Ich habe eben gesagt, dass ich wie die meisten meiner Altersgenossen als junger Mann meine Homosexualität erfolgreich verdrängt und geheiratet habe.

Aber anders als meine meisten Altersgenossen habe ich dieses Problem sehr gut lösen können.

Das verdanke ich meiner Frau, einem bemerkenswerten Menschen, den ich sehr schätze und dem ich nach wie vor sehr zugetan bin. Und sie schätzt mich auch noch immer. Deshalb ist es uns gelungen, die gegenseitige Zuneigung trotz allem zu bewahren. Unsere Beziehung ist nicht abgebrochen, sondern hat sich verändert. Wir sind jetzt eine harmonische Großfamilie, zu der nicht nur meine Kinder und Enkelkinder, sondern auch mein Mann selbstverständlich dazugehören.

Ich bin, so denke ich oft, ein Glückspilz, der alles hat, nicht nur eine Familie mit Kindern und Enkelkindern, sondern auch einen wunderbaren Mann, mit dem ich seit 25 Jahren zusammenlebe und der mir noch immer fast täglich sagt, wie froh er ist, dass er mich gefunden hat.

Ich meine, dass ich auch im Vergleich zu meinen Kolleginnen und Kollegen besser dran bin.

Sie hatten bei ihrer Pensionierung das Gefühl, dass jetzt das Ende beginnt. Ich habe damals ein zweites, aufregendes und hochinteressantes Leben begonnen, in dem ich vielen bemerkenswerten Leuten begegnet bin.

Ich erinnere mich noch gut an die ersten Treffen von Schwulengruppen, die ich Anfang der achtziger Jahre besucht habe. Den Gruppen gehörten fast nur Studenten an, weil die Mitarbeit für Berufstätigen damals noch immer riskant war. Die jungen Leute traten so ganz anders auf als meine Kollegen beim Bundesgerichtshof. Die meisten strikten bei den Treffen. Das war eine Attitüde, die noch von den 68ern stammte und überlebt hatte. Aber die Diskussionsbeiträge einiger dieser jungen Leute haben mich überrascht und beeindruckt. So ist es mir immer wieder ergangen. Ich bin während der letzten 35 Jahre vielen beeindruckenden Menschen begegnet, die ich nie kennen-gelernt hätte, wenn ich in der Sphäre des Bundesgerichtshofs geblieben wäre.

Davon abgesehen hat mein Einsatz für die Emanzipation der Homosexuellen es mit sich gebracht, dass ich mit einigen Ministerpräsidenten und mit vielen Ministern, Politikern, Fraktionen und Parteigremien Gespräche geführt und an zahlreichen Anhörungen im Bundestag und in den Landtagen teilgenommen habe. Im hessischen Landtag waren es allein drei Anhörungen, bis dann endlich die Gleichstellung der Lebenspartner mit Ehegatten im hessischen Landesrecht erreicht war. Ich habe während der letzten 35 Jahre ungezählte juristische Stellungnahmen, Briefe, Schriftsätze und Texte verfasst und das meist zu Rechtsgebieten, mit denen ich mich bis dahin noch nie befasst hatte. Das hat mir großen Spaß gemacht.

Das Schönste für mich ist aber, dass ich über viele Jahre hinweg zahllosen Ratsuchenden mit meinem Rat habe helfen können.

Sie waren oft ganz verzweifelt, weil ihnen niemand eine klare und verbindliche Antwort hatte geben können. Ich meine deshalb, dass meine homosexuelle Orientierung, die mich zunächst jahrelang sehr bedrückt hat, letztlich ein großes Glück für mich war. Sonst wäre ich nämlich ein stinklangweiliger, engstirniger konservativer Hetero geblieben.

Nun bleibt mir nur noch, Ihnen allen schöne CSD-Tage zu wünschen. Mein Mann und ich, wir sind mal vor etwa 20 Jahren beim Kölner CSD auf einem Wagen mitgefahren, der unter dem Motto „gay and gray“ stand. Deshalb wollten die meisten auf diesem Wagen nicht mitfahren. Uns hat das damals nichts ausgemacht und wir hatten viel Spaß. Heute geht das leider nicht mehr, weil ich jetzt wirklich alt und gebrechlich bin. Aber ich werde Ihnen die Daumen drücken, damit Sie beim CSD-Umzug schönes Wetter haben.

Vielen Dank!