Rede zum Gedenken an die lesbischen und schwulen Opfer des Nationalsozialismus

(SNW) | 27. Januar 2016

Mahnmal_1Jährlich laden am Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz die Landesverbände zum Gedenken an die schwulen und lesbischen Opfer des Nationalsozialismus ein. Vertreter_innen des Schwulen Netzwerks NRW, der LAG Lesben in NRW, der ARCUS-Stiftung, des LSVD NRW und des Arbeitskreises Leben Schwule Bisexuelle Transgender und Intersexuelle in ver.di Köln legen am Mahnmal für die lesbischen und schwulen Opfer des Nationalsozialismus „totgeschlagen – totgeschwiegen“ in Köln Blumen nieder. Die Zauberflöten untermalen das Gedenken musikalisch.

Markus Johannes, Landesgeschäftsführer des Schwulen Netzwerks NRW und stellv. Vorstandsvorsitzender der ARCUS-Stiftung hielt am 27. Januar 2016 die Gedenkrede:

Liebe Freundinnen und Freunde,

heute möchte ich den Tag nutzen, um über das Thema Flucht zu sprechen. Ich habe lange darüber nachgedacht, wie ich meine Gedanken dazu für eine Rede ordnen kann. Bundespräsident Joachim Gauck hat mir dabei mit seiner Rede zum Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung, die er in Berlin am 20. Juni 2015 gehalten hatte, sehr geholfen. An diesem Tag beginn Deutschland zum ersten Mal offiziell den internationalen Weltflüchtlingstag, wie er bereits vor fünfzehn Jahren von der Generalversammlung der Vereinten Nationen beschlossen wurde. 

Ich möchte heute über Entwurzelte sprechen, über Geflüchtete und Vertriebene. Über Heimatlose von einst, von heute und morgen. Über Lesben und Schwule, die nicht mehr dort sind, wo sie aufwuchsen und auch noch nicht hier, wo sie versuchen anzukommen. Über Menschen, die etwas vermissen und gleichzeitig froh sind, nicht dort leben zu müssen, was sie eigentlich Heimat nennen.

Aus Geschichte erwächst Verantwortung

Rede_Markus_1Wir gedenken heute der schwulen und lesbischen Opfer des Nationalsozialismus. Sie gehören zusammen – die Schicksale von damals und die Schicksale von heute. Die Trauer und die Erwartungen von damals und die Ängste und die Zukunftshoffnungen von heute. Die Erinnerung an die verfolgten und ermordeten, an die geflüchteten und vertriebenen Schwulen und Lesben von damals kann und muss unser Verständnis für geflüchtete Schwule und Lesben von heute prägen.

Ausgegrenzt, verfolgt und vertrieben wurden Menschen aus unterschiedlichsten Gründen seit Urzeiten. Auch wir Lesben und Schwule blicken auf eine traurige Tradition der Unterdrückung zurück. Eine Tradition, die in vielen Teilen der Welt weiter vorherrscht. Und heute noch werden Lesben und Schwule, die in der Heimat zurückbleiben, Opfer von Hass und Vergeltung: entrechtet, enteignet, verhaftet, misshandelt, interniert oder ermordet.

Als wären dies nicht schon genug Gründe, sich aufzumachen, in eine neue, hoffentlich bessere Welt – sind es noch zusätzlich die Flucht vor Krieg, Hunger und Perspektivlosigkeit, die Lesben und Schwule fortreißt aus ihren Wurzeln und ihren Familien. Dies müssen wir immer im Blick behalten!

Joachim Gauck sagte in seiner Rede: „Wer die Gefühle des anderen abwehrt, der wehrt auch eigene Gefühle ab. Offenheit für das Leid der anderen hingegen führt zu Verständnis, führt zu Nähe. Daran sollten wir heute auch denken, wenn in unserem Ort, in unserem Stadtteil oder in unserer Nachbarschaft Fremde einquartiert werden oder des Schutzes bedürfen. Verständnis für das Leid des anderen ist eine Grundvoraussetzung mitmenschlichen Zusammenlebens.“

Unbehagen gegenüber Fremden gab es zu allen Zeiten. Fremd sind jeweils diejenigen, die neu in eine schon bestehende Gruppe hineinkommen. Gerade, wenn diese Gruppe auch wie bei uns Lesben und Schwulen Schutzraum bedeutet, wird das Fremde allzu schnell als Bedrohung empfunden. Gründe für Distanz oder Ablehnung, die finden sich daher immer. Sie dürfen jedoch nicht unser Handeln bestimmen.

Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um meinen tief empfundenen Dank für alle die auszusprechen, die in unseren schwul/lesbischen Communities ihre Herzen geöffnet haben, um unseren geflüchteten Mitmenschen mit persönlichem Einsatz, mit Rat, Hilfe und Geld die Ankunft in ihrer neuen Heimat zu erleichtern.

Wir haben uns auf den richtigen Weg gemacht

Kranz_1Es dauerte lange, bis Deutschland begonnen hat, seine begangene Schuld an Lesben und Schwule zu begreifen und sich ihr zu stellen. Auch heute ist dieser Prozess noch nicht abgeschlossen.

Aber auch wir Lesben und Schwule brauchten lange, um zu begreifen, dass wir das Recht haben, diese Auseinandersetzung einzufordern. Wir sind auf dem Weg, uns mit unserem Land auszusöhnen. Ein Land, das wir als Heimat empfinden können, in dem wir uns nicht mehr zwangsläufig fremd und ausgegrenzt fühlen müssen. Es wird jedoch noch Jahrzehnte dauern, bis viele von uns das erlernte Misstrauen aus unserer eigenen Verfolgungsgeschichte abgelegt und die darüber entstandene Trauer verarbeitet haben – individuell genauso wie kollektiv.

Zurück zu den Geflüchteten: Immer mehr Lesben und Schwule nehmen immer längere, gefährlichere und kostspielige Fluchtwege in Kauf, um einen Neuanfang zu wagen. Viele streben nach Europa, dem Kontinent der Freiheit und des Wohlstands. Ein Ort, der verheißt, dass sie dort ein Leben ohne Angst und Gewalt als Lesbe oder als Schwuler führen können. Ein Ort, an dem sie nicht missbraucht, nicht gewaltsam unterdrückt werden. Ein Ort, an dem sie ihr Leben selbst bestimmen können.

Nicht nur Deutschland im Ganzen, auch die verhältnismäßig jungen und oft mit knappen Ressourcen ausgestatteten schwul/lesbischen Communities stehen dabei vor einer großen Herausforderung, einer Herausforderung neuer Art und neuer Dimension, wie es Gauck nennt. Angesichts dieser Entwicklung haben wir unseren Blick zu weiten.

Flüchtlingspolitik ist längst auch bei uns angekommen

Wir haben deshalb die Pflicht, lesbische und schwule Flüchtlinge in unseren Communities willkommen zu heißen und ihnen den Raum an Freiheit und Entfaltung zu ermöglichen, den wir für uns immer selbstverständlicher in Anspruch nehmen. Wir würden diesen Anspruch verlieren, wenn wir Menschen, die vor unseren Türen stehen, sich selbst überließen.

Wir müssen sie schützen, vor Ausgrenzung, Anfeindungen und Bedrohungen – auch aus unseren eigenen Reihen. Der Blick auf das Leid des anderen muss immer wieder neu erlernt werden. Zu schnell und zu gerne vergessen Lesben und Schwule in Deutschland ihre eigenen Erfahrungen mit Abwertung und Stigmatisierung.

Noch einmal Gauck: „Denken wir heute nicht zu klein von uns. Haben wir Vertrauen in die Kräfte, über die dieses Land verfügt. Wir brauchen immer auch ein Selbstbild, das uns trägt. Und wir werden uns selbst auf Dauer nur akzeptieren können, wenn wir heute alles tun, was uns heute möglich ist.“

In der Diskussion über den Umgang mit schwulen und lesbischen Geflüchteten ist noch viel zu klären. Leider kann ich heute dazu keine Patentrezepte anbieten. Ich kann nur die Hand reichen und das Herz öffnen – und Euch alle dazu einladen, es mit mir gemeinsam zu tun.

Danke für Eure Aufmerksamkeit.

CSD-Empfang 2017
CSD-Empfang 2017

Am 08. Juli findet wieder unser jährlicher CSD-Empfang im Kölner Gürzenich statt. Anmeldung erforderlich.
> weiterlesen