„Stonewall was a Riot“ – Rede von Steffen Schwab beim CSD-Empfang am 02. Juli 2016

(SNW) | 13. Juli 2016

SteffenLiebe Freundinnen und Freunde der Aidshilfe NRW und des Schwulen Netzwerks NRW, liebe ehemalige, angehende, künftige Preisträger_innen, liebe Claudia Roth, liebe Frau Löhrmann, liebe Frau Reker,

am Dienstag war der Jahrestag von Stonewall. Der Aufstand der Lesben und Schwulen, vor allem eigentlich der Tunten, der Drag Queens. Daran erinnern wir uns, wenn wir den CSD feiern, den Christopher Street Day, an diesem Wochenende in Köln. Stonewall was a Riot, Stonewall war ein Aufstand – mit diesem Motto hat in diesem Jahr der alternative CSD in Köln klargestellt, dass es nach wie vor nicht einfach darum geht, ein buntes Fest zu feiern.

Der Colognepride an diesem Wochenende, aus dessen Anlass unsere beiden Landesverbände auch heute wieder zu diesem Empfang eingeladen haben, hat das Motto anders.Leben.  Das ist – leider – nicht als Feststellung zu verstehen. Sondern immer noch erst als Appell

Ein Ruf nach etwas anscheinend Selbstverständlichem, von dem wir uns weiter entfernt fühlen als noch vor zwei Jahren. Da waren unsere Sensationen das Outing des früheren Nationalspielers Thomas Hitzlsperger und, ja irgendwie, unser ESC-Sieg mit Conchita Wurst. Wir hätten uns heute, mitten in der EM, mit dem  Werbefilm der Deutschen Bahn befassen können: Dem Nationalspieler mit Freund und ohne Kuss am Bahnhof. Doch wir müssen trauern, um die Toten aus dem Pulse in Orlando.

Stonewall war ein Aufstand. Pride heißt Stolz. Über Stolz möchte ich jetzt sprechen.

Erstens: über den Stolz auf Erreichtes. Zweitens: über den Stolz, der für Würde, für Selbstbewusstsein steht, der für die Wertschätzung für uns selbst steht – und aus dem sich auch eine Verpflichtung ableitet.

25 Jahre gibt es den Klust, den Kölner Lesben- und Schwulentag, der seit 1991 den CSD in Köln ausrichtet und längst viel mehr für die Community in dieser Stadt bedeutet, als nur – nicht als ob das zu wenig wäre – Ausrichter von Straßenfest und Parade zu sein. Herzlichen Glückwunsch!

25 Jahre gibt es auch uns, das Schwule Netzwerk NRW, am 15. Juni 1991 in Dortmund gegründet von Vertretern von Selbsthilfegruppen, Rosa Telefonen und Beratungszentren, kraftvoll unterstützt durch die Aidshilfe NRW, die das von Beginn ihres Bestehens an erkannt hat: Dass die Chance, selbstbewusst, frei von Diskriminierung schwul leben zu können,  ein entscheidender Beitrag zur Prävention vor HIV und Aids ist. Dass dieses Bündnis aus der Gründungszeit längst viel weiter trägt und uns auch auf anderen Themenfeldern zusammenbringt, wird nicht zuletzt daran deutlich, dass wir auch heute, zum 23. Mal, zu diesem Empfang gemeinsam einladen. Einen herzlichen Dank für so lange, verlässliche solidarische Begleitung an unsere Freund_innen von der Aidshilfe NRW.

Wir sind stolz auf Erreichtes.

Die Männer, die in der Bundesrepublik wegen des Paragrafen 175 verurteilt worden sind, sind immer noch nicht rehabilitiert, eine Wiedergutmachung ist nach wie vor nicht erfolgt. Aber das Rechtsgutachten, das der Antidiskriminierungsstelle des Bundes vorliegt, zeigt Regierung und Bundestag einen klaren Weg, diese Unrechtsurteile nicht mehr länger bloß zu bedauern, sondern sie mit allen Konsequenzen aufzuheben. Die Eckpunkte des Gesetzentwurfs liegen seit wenigen Tagen vor – wir haben Grund zu der Hoffnung, dass Regierung und Bundestag diesen Weg nun auch gehen werden.

Nichts zeigt all das, nichts zeigt diesen Weg dorthin, zurzeit besser als die Homosexualität_en, die Ausstellung des Deutschen Historischen Museums und des Schwulen Museums, die wir heute mit einer Kompassnadel auszeichnen.

Wir können Stolz auch als Wertschätzung verstehen.

Wir können Stolz verstehen als Respekt vor uns selbst, vor unserer Geschichte und vor unseren Freundinnen und Freunden in so vielen Ländern dieser Welt, die um ihr Überleben kämpfen müssen. Solche Wertschätzung drückt übrigens das Düsseldorfer Outreach-Programm aus, für das wir heute stellvertretend Dirk Behmer mit der Kompassnadel auszeichnen.

Diesen Stolz, diese Wertschätzung sind wir uns schuldig, dieser Stolz fordert uns aber auch zum Handeln auf, vor allem, wenn wir uns mit den Zumutungen der letzten Monate konfrontieren. Wir müssen mit den Populisten von rechts umgehen, die die Verunsicherung von Menschen ausnutzen, denen unsere Welt zu unübersichtlich geworden ist – wo dann Vielfalt zum Kampfbegriff gegen uns verwendet wird, wo Gender-Wahn als Schimpfwort erfunden wird, um zu zündeln. Die Folgen sind Hass-Postings, sind Kampagnen, die neuerdings sogar die BzgA treffen, sind am Ende sogar die klammheimlichen Beifallsbekundungen für den Täter von Orlando. Dieselben fremdenfeindlichen Rechten versuchen dann auch noch, sich als Beschützer deutscher Homo- und Transsexueller zu empfehlen.

Verletzend verhalten sich Kräfte aus dem demokratischen Spektrum, die offenbar den nach rechts weglaufenden Teil unserer Gesellschaft einfangen wollen, auf unsere Kosten. Da wird, alle Jahre wieder, im Bündnis mal mit FAS, mal mit WAMS, die immer gleiche Diffamierung unserer Schulaufklärungsprojekte aus den Schubladen gezogen. Das ist, in Tagen wie diesen, besonders infam. Denn da ist, in den Momenten nach Orlando, ja auch noch die Ignoranz, unsere Trauer überhaupt zu benennen, geschweige denn zu respektieren oder zu verstehen.

Liebe Freundinnen und Freunde, es tut gut, heute unter uns hier im Gürzenich so viele Menschen zu sehen, die auch deshalb gekommen sind, um zu zeigen, dass sie mit uns solidarisch sind. Mit denen wir rechnen können. Die mit uns aufstehen, wenn wir uns zur Wehr setzen. Ihr könnt, Sie können sicher sein, dass wir das zu schätzen wissen.

Wir sind uns den Stolz, den Respekt vor uns selbst schuldig.

Mir ist das wieder klar geworden bei unserer Fachtagung in Dortmund, bei der wir über schwule Identitäten und queere Perspektiven diskutiert haben. Und dabei eigentlich nichts anderes gemacht haben, als Antworten zu suchen darauf, wie wir uns denn verhalten zu dieser auf einmal wieder besonders auffällig schwierigen Gesellschaft.

Wir sind Minderheit, und wir bleiben das auch, weil wir uns durch unseren gelebten Widerspruch zur Heteronorm unterscheiden.

Wir werden stark, wenn wir uns sichtbar machen in unserem Anders-, in unserem Verschiedensein, wir, die Schwulen und die Lesben, die Menschen mit Bi-, Inter-, Trans*- und queeren Identitäten – nebenbei: weil das hier geht, oder zumindest weil wir das hier oft schon mit viel Erfolg schaffen, flüchten LGBT aus anderen Ländern zu uns nach Deutschland.

Wir gewinnen Akzeptanz, je mehr wir auf Menschen treffen, die keine Angst vor uns haben, die nicht um die eigenen Lebensentwürfe, die eigene Sicherheit fürchten. Dabei hilft Bildung, Aufklärung. Dazu können wir einen Beitrag leisten, dabei ist aber auch diese Gesellschaft insgesamt gefordert.

Wenn wir uns nicht unsichtbar machen und nicht unsichtbar machen lassen wollen, werden mehr von uns noch mehr aktiv werden müssen. Michael Bochow hat in Dortmund ziemlich nüchtern festgestellt, warum schwules politisches Engagement in eigener Sache so schwach wird: weil es keinen Mehrwert bringt – weil ich das, mit dem ich mich zufrieden gebe, auch bekomme, ohne dass ich etwas dafür tue.

Das wird aber möglicherweise nicht unbegrenzt funktionieren. Wenn mir zum Beispiel eines Tages das nicht mehr reicht, was besorgniserregende Eltern und andere selbsternannte Abendlandverteidiger für mich übrig lassen. Die enthemmte Mitte halt: 40,1 Prozent, so die gleichnamige Studie, finden es  „ekelhaft“, wenn sich Homosexuelle in der Öffentlichkeit küssen. Abgesehen davon, wie mensch eigentlich überhaupt auf die Idee kommt, so eine Frage zu stellen, ob man das eklig findet… – man traut sich wieder, Homo- und Transfeindlichkeit offen zu bekunden.

Der Umschwung im Meinungsklima wird deutlich.

Marcus Velke vom CSG, der uns in Dortmund einen Überblick über Homo-Geschichte nach 1945 gegeben hat, meinte ganz beiläufig, dass es ohne die deutsche Vereinigung den Paragrafen 175 heute noch geben würde. Und ich frage, welche politische Mehrheit ihn denn heute abschaffen würde, einfach uns zuliebe, ohne dass wir selbst etwas dafür tun?

Nein, wir lassen uns unseren Stolz nicht nehmen. Wir fordern Respekt vor der Gleichwertigkeit von sexuellen und geschlechtlichen Identitäten und Lebensformen. Und da verstehen wir, das 25 Jahre alte oder junge Schwule Netzwerk, uns als Teil eines Bündnisses, das gar nicht groß genug werden kann. Und das bunt und verschieden sein muss. In dem eine Altherrenveranstaltung Platz haben soll – so spottete neulich mal ein Vorstandskollege über uns selbst, in einem ziemlich selbstkritischen Moment einer etwas allzu angepassten Debatte. Ein Bündnis, zu dem ebenso die nächsten, übernächsten und überübernächsten Generationen der Rosa Radikalen dazugehören, sozusagen die Fundis unserer Bewegung.

Denn Stonewall, dürfen wir mit Stolz festhalten, heute, fast drei Wochen nach Orlando, Stonewall war ein Aufstand. Präsident Obama hat den Stonewall Inn zum Nationaldenkmal erklärt. Für uns muss er heute eine Aufforderung sein.

Es wird Zeit, liebe Freundinnen und Freunde, wieder aufzustehen. Voller Stolz aufzustehen. Gegen den Rassismus. Gegen den Hass. Gegen die Gewalt.