Die Rede von Steffen Schwab zum Neujahrsempfang am 24. Januar 2014

(SNW) | 28. Januar 2014
Schwules Netzwerk 1 2014

Foto: FRESH-Magazin – Dietrich Dettmann

Guten Abend, liebe Gäste,

zum Neujahrsempfang des Schwulen Netzwerks heißen wir Sie, Euch noch einmal herzlich willkommen.

Es tut sich viel: Wir sind umgezogen – mit unserer Geschäftsstelle aus dem dritten Stock beinahe in die Beletage, dann aber doch noch etwas tiefer ins Erdgeschoss am wunderschönen Innenhof der Lindenstraße 20. Schaut bei Gelegenheit mal vorbei. Wir brauchten mehr Platz, und unsere Freunde von der AH NRW auch, und wir sind froh, dass wir eine Lösung gefunden haben, die es uns immer noch erlaubt, Adresse, Infrastruktur und kollegiales Wissen zu teilen.

Wir sind umgezogen – mit unserem Neujahrsempfang, danken dem DGB ganz herzlich, dass er uns diesen Raum überlässt und sind gespannt, ob euch der ganz nah ans Wochenende gerückte neue Termin gefällt.

Wir sind mehr geworden: Ihr kennt, Sie kennen Markus Johannes, unsere Verwaltungsfachfrau Ute Hummler. Wir sind nach wie vor sehr froh, unser Dach mit Schlau NRW zu teilen und Benjamin Kinkel als Landeskoordinator von SchlAu NRW in unserem Team zu wissen. Viele von euch, viele von Ihnen kennen noch nicht Simon Jekosch, der als erster Bundesfreiwilliger zu uns gekommen ist und vor allem die ARCUS-Stiftung für ein Jahr unterstützt. Seine Arbeit konzentriert sich auf die Vorbereitung und Organisation der Hirschfeld-Tage 2014 in NRW, die die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld gemeinsam mit ARCUS vom 4. April bis 18. Mai ausrichtet, ein Programm mit 82 Veranstaltungen in 16 Städten unseres Bundeslandes. Simon leistet eine tolle, nahezu ehrenamtliche Arbeit und ist eine wichtige Stütze für unser wunderbares Team in der Lindenstraße 20.

Ute, Markus, Benjamin, Simon: Euch möchte ich – ich denke, dass ich da für uns alle spreche – auch in dieser Runde ganz herzlich Danke sagen für euren großartigen Einsatz.

Und dann gibt es noch jemanden, den ihr nicht kennt. Wir aber auch nicht. Irgendwann in den nächsten Wochen wird unsere neue Mitarbeiterin oder unser neuer Mitarbeiter ihre/seine Tour durchs Land beginnen, um lesbische und schwule Jugendselbsthilfe zu unterstützen. Das Jugendministerium hat für drei Jahre diese Fachstelle bewilligt, um Jugendgruppen und -initiativen zu unterstützen, bei Neugründungen zu beraten, Vernetzung zu fördern. Eine Chance, um die wir uns lange bemüht haben. Und die wir jetzt gemeinsam intensiv wahrnehmen können.

Begonnen hat dieses Jahr mit Fußball, mit Thomas Hitzlsperger – ich komme zu unseren Kompassnadeln.

Denn Theo Zwanziger, damals DFB-Präsident, war ja unser Preisträger. Vor fünf Jahren. Das Brett ist dick, was da zu bohren ist. Und der aktive Profi, der schwul ist, hat sich ja immer noch nicht gemeldet.

Trotzdem: Wir nehmen uns nun die Bezwingung der anderen Bastion vor, mit der viele von uns aus nachvollziehbaren Gründen längst gebrochen haben, an der sich ebenso viele aber nach wie vor, zwischen Zuversicht und Resignation schwankend, abarbeiten. Und auch das aus gutem Grund angesichts des großen Einflusses dieser Institution auf Gesellschaft und Staat und somit auch auf alle, die eigentlich gar nichts mit ihr zu tun zu haben meinen.

Dr. Volker Jung ist Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Er ist Mitautor des Familienpapiers der Evangelischen Kirche in Deutschland, das sich neuen Formen verantwortungsvollen Zusammenlebens, zum Beispiel in homosexuellen Partnerschaften und Regenbogenfamilien, öffnet. Er vertritt diese Neubewertung gegen Kritik aus den eigenen Reihen – und er tut dies ausdrücklich nicht nur nach innen, in seine eigene Kirche hinein, sondern richtet die Aufforderung zu einem respektvollen Annehmen der Verschiedenheit von Lebens- und Beziehungsformen aus der Kirche heraus nach außen. Wir halten das für herausragend und wegweisend und werden Dr. Volker Jung dafür am 5. Juli mit der Kompassnadel des Schwulen Netzwerks auszeichnen.

Wir brauchen solche Menschen in führenden, meinungsbildenden Positionen in diesen Zeiten genauso sehr wie vor zehn, zwanzig, dreißig Jahren. Das, wofür Volker Jung und die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau stehen, ist noch nicht einmal innerhalb der evangelischen Kirche in Deutschland Konsens – ein schwuler Mann, der sich jüngst die Evangelikalen auf einer Synode zum Thema im südwestfälischen Kirchenkreis Siegen angehört hätte, wäre froh gewesen, dort überhaupt mit heiler Haut herausgekommen zu sein. Nein, von lesbischen Frauen ist in solchen Kreisen erst gar keine Rede.

Das sind Luxusprobleme im Angesicht des Leidens von Homo- und Transsexuellen in Russland, Iran, Uganda? Natürlich. Andererseits: Wenn ich Leserbriefe und Online-Kommentare zu Hitzlsperger oder zur Petition gegen den baden-württembergischen Bildungsplan lese, erkenne ich dort nicht nur Akzeptanz, sondern sehr viele Ressentiments unter dem Deckmantel von Toleranz, sehr viel Unwissen. Vor allem aber auch so wenig verbrämte Schwulen- und Lesbenfeindlichkeit, dass ich mir sehr leicht vorstellen kann, wie solche Leserbriefschreiber klammheimliche Genugtuung empfinden, wenn sie über Russland, Iran und Uganda lesen. Oder über den 20-jährigen Isa, der sich in Baku des Leben nimmt, sich mit der Regenbogenflagge erhängt. Nicht nur der Inhalt macht wütend. Sondern auch die dahinter stehende Selbstgewissheit, für solchen geistigen Müll auch noch Zustimmung erwarten zu dürfen.

Die andere Kompassnadel für besonderes ehrenamtliches Engagement bekommt Wulf Thomas. Er ist seit Jahrzehnten in der schwulen Selbsthilfe und der Aidshilfearbeit in Duisburg unterwegs – die homosexuellen Kulturtage, heute heißen sie Queer Live Duisburg, sind weit über die Stadt hinaus bekannt, die von ihm organisierten Fahrradtouren gelten als legendär. Wir finden es wichtig, mit Wulf ein weiteres Mal einen schwulen Mann ehren zu können, der selbst nie das Rampenlicht sucht, aber unermüdlich in der zweiten Reihe oder hinter den Kulissen für unsere gemeinsame Sache arbeitet. Ohne solche Leute wie Wulf Thomas, und die kennt ihr in euren eigenen Städten auch, hätten wir nichts von dem erreicht, auf das wir heute mit Recht stolz sind.

Die Ehrenmitgliedschaft verleihen wir an Reinhard Klenke. 

Heute Abend steht einer von uns im Mittelpunkt, ohne den schwule Selbstorganisation in NRW überhaupt nicht denkbar ist: Reinhard Klenke, der den Vorstand des Schwulen Netzwerks nach mehr als zwei Jahrzehnten verlassen hat, wird erstes Ehrenmitglied unseres Verbandes. 

Artikel: Reinhard Klenke legt Vorstandsamt nieder

Artikel: Reinhard Klenke im Interview