Schwul Lesbisch Bi Trans* Queer Bildungs- und Aufklärungsarbeit – Das politische Engagement einer neuen Generation?!

(SNW) | 19. Juli 2013

Ein Vortrag von Benjamin Kinkel

Als sich die Aufklärungsprojekte von SchLAu in NRW 2011 für das Thema Trans* öffneten wurde ich von einem langjährigen Engagierten aus der schwulen Community gefragt, ob diese Öffnung nicht gegen die „reine Lehre schwul-lesbischer Aufklärung“ sei und ob da nicht etwas vermischt werde, was nicht zusammengehöre. 

Als sich die rechtsextreme Partei ProKöln für die CSD-Parade in Köln anmeldete, solidarisierten sich spontan Teile der schwul-lesbischen Szene mit Vorurteilen, die vor allem Migrant_innen und besonders Muslime und Muslima für die anhaltende Homophobie in Deutschland verantwortlich machten.

Und als ich am vergangenen Wochenende meinen Freund in Stuttgart besuchte und wir uns am Bahnhof verabschiedeten, rollte am Gleis gegenüber ein Sonderzug ein, der Fußballfans des VfB Stuttgart vom DFB-Pokalfinale aus Berlin nach Hause brachte. Tatsächlich wurde ich noch nie in meinem Leben so abwertend und aggressiv beschimpft nur weil ich einen Mann liebe. Aller Erfolge der rechtlichen Gleichstellung zum Trotz.

Drei Beispiele und jedes erzählt auch von den Transformationsprozessen innerhalb der sogenannten „lesbisch-schwulen“ Community. Denn Land auf Land ab werden in vielen lesbischen, schwulen und schwul-lesbischen Lobbyverbänden, Interessensgruppen, Selbsthilfeorganisationen und auch Stiftungen Fragen gestellt und Diskussionen geführt. Im Kern geht es dabei immer um dasselbe: Brauchen wir heute noch schwule Politik? Und lesbische Interessensvertretung? Geht beides zusammen oder muss es auch weiterhin eine spezifische Identitätenpolitik geben und wie sieht diese aus? Und was ist mit Trans*? Grenzen wir uns im Sinne einer „reinen Lehre“ ab oder können die Themen Geschlechtsidentität und sexuelle Orientierung Hand in Hand gehen?

Ist das Buchstabengewürfel LSBTTI eine maskierte Sparpolitik, hinter der sich eine Marginalisierung von Identitäten versteckt?Oder doch ein Ausdruck unverkrampfter Solidarität? Liegt im großen Trendthema Diversity eine Chance zu mehr Anerkennung von Unterschiedlichkeit, oder doch eher die Gefahr dass Lesben und Schwule ihre hart erkämpften Strukturen und Erfolge einbüßen? Ist die politische Emanzipation von Lesben und Schwulen erreicht, weil die gesetzliche Gleichstellung auf ihrer Zielgeraden angekommen ist? Oder bleibt Politik in der Verantwortung bis sich lesbische und schwule Pärchen auch in der Öffentlichkeit einen Kuss geben können, ohne zuvor den jeweils aktuellen Toleranzgrad der sozialen Umwelt einschätzen zu müssen?

Manchmal werden noch tiefergehende Fragen gestellt: Bilden unsere Organisationen, Strukturen und Vorstände eigentlich die Vielfalt lesbischen und schwulen Lebens ab? Oder grenzen wir bestimmte Personen aus und sind selbst Teil einer Diskriminierungsmaschine – zum Beispiel gegenüber einem schwulen Rollstuhlfahrer oder einer lesbischen Muslima? Haben wir Mehrfachzugehörigkeiten wirklich und ernsthaft auf der Agenda? Wollen wir das überhaupt?

Das sind wichtige Fragen. Und es sind viele.

Es ist gut und richtig, dass sie zunehmend laut und leise und mit offenem Ausgang diskutiert werden. Die Fragen und der damit einhergehende Transformationsdruck werden aus verschiedenen Richtungen an die Community und ihre etablierten Organisationen herangetragen: Zuerst sind da Wissenschaft, Wirtschaft und Politik, die mit Begriffen wie Diversity, Intersektionalität, Gender und Inklusion neue Perspektiven eröffnen und Forderungen stellen.

Da sind aber auch einige etablierte Player der lesbisch-schwulen Community, die sich bereits auf den Weg gemacht haben, die neuen Themen in ihre Arbeit zu integrieren oder sogar als Vorreiter gelten dürfen. Da ist aber auch eine neue Generation von Lesben und Schwulen herangewachsen, die die erkämpften Rechte als Selbstverständlichkeit erleben und denen die historisch unterschiedlichen Wurzeln von Lesben- und Schwulenemanzipation nicht mehr geläufig sind. Eine Generation, die nicht mehr automatisch weiß, was der Paragraf 175 war und die stattdessen mit dem Gesetz zur Eingetragenen Lebenspartnerschaft aufgewachsen ist. Eine Generation, in der das Verständnis von Identitäten fluider, ja dynamischer geworden ist.

Meine These ist, dass für diese neue Generation die oben benannten Fragen immer weniger diskutiert werden müssen. Denn längst existieren akzeptierte und konsensfähige Antworten und sind neue Selbstverständlichkeiten und Perspektiven entstanden. Und das unterscheidet diese neue Generation zwar nicht von allen, aber doch von vielen etablierten Playern der lesbisch-schwulen Community: Politisch am sichtbarsten wird die neue Generation und ihr Konsens in der Bundesvernetzung der Bildungs- und Aufklärungsprojekte.

In der Bundesvernetzung der Bildungs- und Aufklärungsprojekte engagieren sich seit 2011 knapp 50 Teams aus ganz Deutschland. Wir sind eine junge Vernetzung und erst dabei unsere bundesweiten Strukturen auszubilden. Insofern stehe ich hier heute auch nicht als ein Sprecher oder Vorstand der Bundesvernetzung – so etwas haben wir noch nicht. Ich teile mit ihnen hier viel mehr meine (politischen) Beobachtungen zu dem sich bildenden Netzwerk aus einer Innenperspektive heraus.

Deutschlandweit engagieren sich etwa 500 junge Menschen zwischen 18 bis 29 Jahren ehrenamtlich für die Aufklärungsarbeit mit Jugendlichen.

Damit sind die Aufklärungsprojekte innerhalb weniger Jahre zu einer der größten Plattformen zivilgesellschaftlichen Engagements im LGBTQ-Bereich geworden. Tendenz: weiter steigend. Allein in NRW ist die Zahl der dortigen SchLAu-Projekte von 2011 zu 2013 von 10 auf 15 und die engagierten Freiwilligen von 80  auf 150 gestiegen. Während viele etablierte lesbisch-schwule Organisationen über einen zunehmenden Mangel an ehrenamtlichem Engagement klagen, stellt sich die Situation bei den Bildungs- und Aufklärungsprojekten genau umgekehrt dar. Ich glaube, dass das kein Zufall ist. Der Freiwilligensurvey der Bundesregierung stellte fest, dass die zentrale Motivation für ehrenamtliches Engagement der Wunsch nach Mitgestaltung und gesellschaftlicher Teilhabe sei. Die Identifikation mit der Organisation, bei der sich die Freiwilligen engagieren, ist dabei von zentraler Bedeutung.

Identifikation gelingt dort am besonders gut, wo die individuellen Werte und Perspektiven der Freiwilligen mit dem Selbstverständnis und Handeln der Organisation eine möglichst große Schnittmenge bilden. Meine Beobachtung ist, dass die Schnittmenge zwischen der jungen Generation und den klassischen Playern lesbisch-schwuler Selbstorganisation kleiner wird, während sie für die Aufklärungsprojekte zunimmt. Diese sich verändernden Schnittmengen sind dabei weder apolitisch noch ahistorisch, sie sind einfach Ausdruck neuer politischer Überzeugungen und Perspektiven. 

Wir sind überzeugt, dass lesbische, schwule, bisexuelle und trans* Menschen für Aufklärung an einem Strang ziehen sollten.

Als schwul lesbisch bi trans* queer Aufklärung tragen wir dieses „an einem Strang ziehen“ sogar im Namen. Homo- und Transfeindlichkeit basieren auch auf heteronormativen Strukturen und Vorurteilen – in Institutionen, Gesetzen, Schulen und vor allem in Köpfen. Auch die keine Grautöne kennende Dichotomie von Frau und Mann negiert die geschlechtliche Vielfalt und begünstigt Homo- und Transfeindlichkeit. Aber eben weil diese Ausgrenzungsmechanismen und deren Gründe so ähnlich sind, können die Themen Geschlechtsidentität und sexuelle Orientierung Hand in Hand gehen. Auch die Gleichberechtigung der Geschlechter ist eine gelebte Selbstverständlichkeit, die in paritätischen Teams und quotierten Planungs- und Leitungsgruppen ihren Ausdruck findet. Sexismus hat hier keinen Platz.

Wir wollen auch nicht diskutieren, ob die Politik mit der gesetzlichen Gleichstellung von Lesben und Schwulen ihre Aufgaben erfüllt hat. Nein, hat sie nicht! Diskriminierung und Ausgrenzung sind noch immer Alltag vieler Lesben und Schwulen, ob auf der Arbeit, im Fußballstadion oder beim Outing in der Familie. Die rechtliche Gleichstellung mag ein Etappensieg sein, das Ziel ist sie nicht. Politik bleibt in der Verantwortung. Für Trans* steht dies ohnehin außer Frage. Wir fragen auch nicht mehr, ob Marginalisierungen, Exklusionsmechanismen und Privilegierungen innerhalb der Community existieren. Natürlich tun sie es! Wir fragen stattdessen wie wir diese reflektieren und abbauen können. Wie Räume für Mehrfachzugehörigkeiten entstehen und Differenzen ausgehalten werden können. Jeglichen –ismen wollen wir konsequent begegnen. Nur so werden sich lesbische Rollstuhlfahrerinnen und schwule Muslime als Teil der Community begreifen und sich engagieren.

Vielleicht werfen sie den Bildungs- und Aufklärungsprojekten nun vor, sie seien elitär, ihre Ansätze theoretisch und unrealistisch. Das Gegenteil ist der Fall: Unsere Überzeugungen sind Antworten auf die Lebenswirklichkeiten, die uns in den Workshops mit den Jugendlichen ständig begegnen. Dort sind Mehrfachzugehörigkeiten und fluide Identitäten ganz normaler Alltag. Es gibt wenige Orte, die unterschiedlicher und vielfältiger sind, als Schulen und Jugendtreffs. Gerade diese ständige Begegnung mit der Realität hat uns die neuen Diskurse aufgreifen lassen.

Ich habe heute über die Transformationsprozesse innerhalb einer Community nachgedacht, die teilweise selbst nicht mehr so genau weiß, was sie will, wer dazugehört, wie sie sich benennt und wohin sie gehen soll. Viele lesbische, schwule und schwul-lesbische Projekte, Organisationen und Interessensvertretungen streiten und diskutieren zurzeit darüber. Ich vermag nicht zu prognostizieren, was am Ende steht.

Aber ich beobachte, dass mit den Bildungs- und Aufklärungsprojekten deutschlandweit eine neue Generation auf der Bildfläche erschienen ist. Ihre Arbeit und ihre Vernetzung haben mögliche Antworten auf die zu Beginn gestellten Fragen gefunden und so ein neues Selbstverständnis von LGBTQ-Engagement geschaffen. Sie sind damit auch auf dem Weg selbst zur Speerspitze des Transformationsprozesses zu werden. Denn sie haben es geschafft die neuen Diskurse um Intersektionalität, Inklusion, Diversity und Gender praktisch umzusetzen und sind so in der Lage, Antworten auf die veränderten Lebenswirklichkeiten der Menschen zu geben.


Benjamin_Kinkel_qu_webDer Vortrag wurde am 08. Juni 2013 auf dem 1. LSBTTI-Bildungsworkshop der Bundesstiftung Magnus-Hirschfeld mit dem Thema „Sexuelle Orientierungen, Geschlechtsidentitäten und Geschlechtsrollen, als Themen im Bildungs- und Diversity-Management“ gehalten. 
Benjamin Kinkel hat Kommunikations- und Politikwissenschaft in Aachen und Münster studiert. Er ist Landeskoordinator und Projektmanager von SchLAu NRW und Mitglied des Fachbeirats der Bundesstiftung Magnus-Hirschfeld. 

http://mh-stiftung.de/bildungsworkshop