Schwule Medien

Schwules Netzwerk NRW (SNW) | 14. Juni 2013

Ein Kommentar von Johannes J. Arens

Die Entstehung der schwulen Medienlandschaft, deren Reste wir heute noch in Ehren halten, folgte seit den 1970er Jahren dringenden Bedürfnissen. Blaupausen für eine selbstbestimmte, erfüllte Ausgestaltung des eigenen Lebens gab es so gut wie keine. Homosexuelle Männer wurden in Zeitungen und Zeitschriften, im Film und im Fernsehen nahezu ausschließlich als tragisch, unglücklich und – auch noch nach den Reformationen des Sexualstrafrechts – immer am Rande der Legalität gezeichnet. Mit HIV und Aids gesellten sich im Laufe der 1980er Jahre außerdem noch die Attribute „krank“ und „ansteckend“ dazu.

Schwule Medien, vor allem von und für schwule Männer herausgegebene Zeitschriften, erfüllten somit etliche Aufgaben der klassischen Selbsthilfe. Ihren Machern und ihren Lesern ging es um Aufklärung und um eine objektive Darstellung schwuler Lebensrealitäten. Sie bemühten sich, den dominanten Bildern von Krankheit und Tod einen eigenen, lebensbejahenden Entwurf entgegenzusetzen und Angebote für eine effiziente Organisation des neuentdeckten oder wiederentdeckten, schwulen Alltags zu schaffen. Letzteres galt vor allem für die Metropolen, wo beispielsweise in Köln die RIK (die symptomatische Abkürzung für „Raus in Köln“) seit 1985 einen schwulen Veranstaltungskalender darstellte. Aber auch in der Provinz, abseits der Großstädte, wo homosexuelles Leben so unvorstellbar weit weg vom eigenen Alltag stattfand, waren schwule Jungs und Männer auf Informationen angewiesen.

Sexualität, das lag in der Natur der Sache, spielte hier immer eine große Rolle. Die meisten Herausgeber versuchten eine Zensur aufgrund von pornografischen Darstellungen zu vermeiden, aber die Abbildung nackter oder halbnackter Männer war vor der dauerhaften Verfügbarkeit von Porno-Clips im Internet ein nicht zu unterschätzender Verkaufsfaktor. 

„Him“, „Don“, „Adam“, „Du & ich“, „Magnus“ und„Männer aktuell“ waren solche bundesdeutschen Formate, um nur einige zu nennen. Die einen studentikos anständig, die anderen offensiv mit sichtbaren Schwänzen – immer aber spielten schwule Anliegen eine wichtige Rolle. Auch wenn es gelegentlich Versuche gab, diese Kopplung zu lösen. Zuletzt vor einigen Jahren mit dem Experiment „Front“, in dessen erster Ausgabe es sinngemäß hieß, man wolle ein Heft schaffen, das auch auf dem Sofatisch liegen bleiben könne, wenn Mutti zu Besuch kommen. Weg vom Wichsblättchen mit schwulen Themen hin zum mainstreamtauglichen Lifestylemagazin mit Philipp Lahm auf dem Cover. Schwule Themen wurden auf schöner Wohnen und Fashiontrends reduziert und das Blatt hob damit seine eigene Relevanz gewissermaßen selbst auf.

Dann krempelte das Internet die uns bekannte mediale Welt um. Plötzlich war alles möglich und nichts mehr so, wie es mal war. In der Anbahnung unkomplizierter Sexdates blieben schwule Männer mit diversen Chatportalen, mit Gaydar, GayRomeo und GayRoyal Meister der Innovation, bei der Übertragung schwuler Inhalte in virtuelle Welten hingegen, blieb das Meiste auf der Strecke. Kaum eine schwule Zeitschrift, die den rechtzeitigen Absprung in die digitale Welt geschafft hätte. Die etwas weltfremde Konzentration auf diejenigen treuen Leser, die über keinen DSL-Anschluss verfügten, lässt die verbliebenen Kaufzeitschriften vermutlich schon seit längerem Verluste einfahren. 

Schwule Printmedien, mit eigenständigem redaktionellen und überregionalem Inhalt scheinen hingegen überflüssig geworden zu sein. Mainstreamportale wie Spiegel online versorgen auf regelmäßiger Basis auch mit schwulen Nachrichten und Seiten wie queer.de filtern die für schwule Männer relevanten Inhalte aus dem Chaos der Meldungen heraus. Zwischen homophoben Äußerungen von Kölner Kardinälen und dem schwulen Vaterglück von Berliner Bundestagsabgeordneten kann der gleichgeschlechtlich orientierte User bequem den für seine Interessen relevanten Content heraussortieren. 

Auch schwule Solidarität, so könnte ein Zwischenfazit lauten, wird (mit Ausnahme gelegentlicher Glossen in der taz) nicht mehr gedruckt. Sie findet im Netz statt. Die sogenannten Social Media haben dabei viele Funktionen der konventionellen Medien übernommen. In schwulen Kontexten beschränkt sich dies mitnichten auf die (Sex-)Partnersuche auf den blauen Seiten, auf Facebook und Twitter werden auch politische Inhalte und Einstellungen gepostet. Bilder von misshandelten Schwulen machen schnell die Runde und die eine oder die andere homophobe Politikerin musste in der jüngeren Vergangenheit einen Shitstorm über sich ergehen lassen. Eindrucksvollstes Beispiel für eine virtuelle Community-Bildung ist vermutlich aber die unlängst aus den USA kommende Aufforderung, das Profilbild auf Facebook durch ein rotes Quadrat mit zwei rosafarbenen Balken zu ersetzen, um so gegen die Ungleichbehandlung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften zu protestieren. Die Freundeslisten vieler schwuler User wurden zu einem rosaroten Puzzle, zumindest ein paar Tage lang.

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