25 Jahre Schwules Netzwerk NRW – Warum braucht es uns?

(SNW) | 2. Februar 2016

Plakat Gruenderversammlung 300Die Frage, warum es uns braucht, ausgerechnet im Jubiläumsjahr unseres Verbandes zu stellen, ist tückisch. Die Antworten auf diese Frage sind so gut wie vorgegeben – zumal, wenn sie auch noch an jemanden gerichtet wird, der in diesem Verein Verantwortung trägt. Wer ist „es“? Wer ist dieses Netzwerk? Brauchen wir uns? Wer braucht uns? Oder brauchen wir uns nicht mehr?

Steffen Schwab, Landesvorsitzender des Schwulen Netzwerks NRW, greift diese Fragen in seinem Beitrag auf:

Der Paragraf 175 ist weg. Die eingetragene Lebenspartnerschaft ist da. Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz auch. Und darüber hinaus eine ganze Reihe von Regelungen und Instituten, die die Akzeptanz von Schwulen und Lesben unterstützen und die zumindest eine Annäherung zu rechtlicher Gleichbehandlung darstellen.

Das ist die Geschichte seit 1991, als fast 40 schwule Gruppen und Initiativen in Dortmund das Schwule Netzwerk gegründet haben: ein Projekt, das eine Vielzahl von Themen und Interessen miteinander vernetzt, den Austausch fördert, gemeinsame Interessenvertretung anstrebt, Dienstleister für die vernetzten Projekte sein will. Und, vor allem: eine in der – noch – überwiegenden Zeit ihrer Existenz unterdrückte Minderheit sichtbar macht.

Anders gesagt: Das Schwule Netzwerk NRW ist k e i n Projekt, das sich mit dem Abarbeiten von Zielen auf einer Agenda erledigt. Die Geschichte des Schwulen Netzwerks ist n i c h t die Geschichte schwuler Bürgerrechtsbewegung in NRW. Dem SVD (heute: LSVD) als Bürgerrechtsverband ist das Schwule Netzwerk solidarisch verbunden. Spätestens 1996, fünf Jahre nach der Gründung, haben die Mitglieder die Weichen für den eigenen Weg des Schwulen Netzwerks endgültig gestellt und eine vom damaligen Vorstand vorgeschlagene Fusion der Vereine abgelehnt.

Brauchen wir weiter ein s c h w u l e s Netzwerk?

Oder brauchen wir nicht eher ein schwul-lesbisches, ein LGBT- oder Queer-Netzwerk? Oder sind wird das längst geworden? Oder sogar, eigentlich, immer schon gewesen?

Für Letzteres sprechen die Antworten auf die Frage, wen wir eigentlich vernetzen. Rein technisch gesehen waren es von Anfang an schwul-lesbisch-integrierte Projekte, die über das Schwule Netzwerk eine Projektförderung aus Landesmitteln erhielten – gerade jenseits der Großstädte konnte die Selbsthilfe gar nicht anders, als zusammenzurücken und, unbeschadet von den unterschiedlichen Wurzeln der eigenen Bewegungen, das gemeinsam zu tun, was sich irgendwie gemeinsam stemmen ließ. Oft begann das bei der gemeinschaftlichen, wenngleich nicht gleichzeitigen, Nutzung von Räumen. Heute finden sich unter dem organisatorischen Dach des Schwulen Netzwerks Projekte wie SchLAu und die Jugendfachstelle NRW, denen die schwul-lesbische Trennung immer fremd war.

Das Schwule Netzwerk arbeitet mit der LAG Lesben zusammen, wenn es um gemeinsame Themen und die Vertretung gemeinsamer Interessen geht. Mit Trans-Menschen. Mit der Selbstorganisation von Migrant_innen. Mit Familienberatungsstellen. Mit Senioren-Projekten. Mit Geflüchteten. Mit Interessenvertretungen von Menschen mit Handicap. Verbindend ist das Abweichen von weißen, männlichen, patriarchalen Normen. Verbindend ist das Bekenntnis zu gleichberechtigter Vielfalt.
Nichts steht symbolischer für dieses frühe „Queer“ als die abgekürzt so genannte „Familienkampagne“ des Schwulen Netzwerks: Die Debatte über den Anspruch, Familie neu und weiter als Verantwortungsgemeinschaft zu definieren, ist von den Mitgliedern des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes aufgegriffen worden. Was damals, Ende der 1990er Jahre, eher sperrig daherkam und eigentlich als nicht kampagnenfähig galt – zumindest im Vergleich zur plakativeren Aktion „Ja-Wort“ für die schwule und lesbische Ehe -, hat die deutsche Gesellschaft heute nachhaltig verändert.

Und trotzdem schwules Netzwerk, immer noch?

Manchen, die drin sind, ist der Name nicht das drängendste Thema. Anderen ist es wichtig, dass das Schwule Netzwerk immer noch – auch – etwas anderes ist als der Teil jenes modernen „Kompetenznetzwerks“ für die LGBT-Communities, als das es sich heute versteht. Nämlich ein Netzwerk, das ein Ort schwuler Identität ist, die geprägt wird von der gemeinsam erlittenen staatlichen Verfolgung mittels des Paragrafen 175 und dem gemeinsam erlebten Sterben der ersten Generation schwuler Männer mit HIV und Aids. Schwule Community, wie sie heute gelebt wird, würde es ohne diese verbindenden Erfahrungen nicht geben.

Und was wäre, wenn es uns nicht mehr gäbe?

Dann gäbe es immer noch Schwule, Lesben und Menschen, die queer sind, die unsere Interessen vertreten: in Parteien, in der Politik und in Vereinen. Es gäbe immer noch Beratungsstellen und Freizeitangebote, Jugendtreffs und Kommunikationszentren. Aber nur da, wo die Kraft reicht, das alles durchzusetzen: wo wir viele sind, wo wir stark sind. Eher in Köln und Dortmund als in Kleve oder Siegen. Die Menschen dort, die mehr wollen, als nur für sich selbst da zu sein, gingen uns verloren.

Also: Braucht es uns denn nun?

Die Frage führt in die Irre – als ob wir uns erklären müssten. Wir sind einfach da. Anders. Sichtbar. Stark.


SteffenKSteffen Schwab, 55, stammt aus Siegen, lebt in Bergisch Gladbach, ist hauptberuflich Journalist und ehrenamtlich seit 1998 im Vorstand des Schwulen Netzwerks engagiert. Schwerpunktmäßig unterstützt er den Landesgeschäftsführer bei der Öffentlichkeitsarbeit des Verbandes. Als Landesvorsitzender bündelt er die großen Linien der verbandlichen Arbeit, vertritt den Vorstand nach außen und koordiniert die Zusammenarbeit im Vorstand und mit der Geschäftsstelle.

 

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