Der 27. Januar – Nur so ein weiterer Gedenktag?

(SNW) | 21. Januar 2014

Kranz2Seit einigen Jahren laden die lesbisch/schwulen Landesverbände und die ARCUS-Stiftung zum Gedenken für die homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus anlässlich des Gedenktags der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz ein. Ein Grüppchen von Lesben, Schwulen und verdächtig wenig weiteren Interessierten bibbert jeweils am 27. Januar unter der Hohenzollernbrücke in Köln am Mahnmal “totgeschlagen – totgeschwiegen”. Es gibt ein paar Ansprachen, ein Kranz wird niedergelegt und die Zauberflöten singen. Nach kurzen Plaudereien verschwinden die Anwesenden wieder in ihren Alltag. The same procedure as every year? Könnte man meinen, aber so ist es bei Weitem nicht!

Auschwitz ist ein Synonym für Terror, Erniedrigung, Folter. Und von staatlich legitimierter und durchgeführter Vernichtung. Auschwitz hat das schlimmste im Menschen hervorgebracht, hat gedemütigt, zerstört, verstümmelt, vergast. Auschwitz ist ein Extrem in der perfiden Macht- und Herrschaftsgier des einen Menschen über den anderen. Selten wurde dieses Verlangen in der Menschheitsgeschichte so konsequent umgesetzt. Nazideutschland ist inzwischen Geschichte. Aber ist es dieses Verlangen auch?

Wir dürfen nicht vergessen, dass es nach dem Krieg mehr Verurteilungen nach § 175 gab als während der Nazi-Herrschaft. Viele Lesben und Schwule, denen Unrecht nach 1945 im „Rechtsstaat Deutschland“ widerfahren ist, leben noch heute mit diesen Erlebnissen – ohne Entschuldigung, ohne Wiedergutmachung. Es wurde seitdem viel bewegt und viel erreicht. Aber wie beständig ist dieses Erreichte? 

In Schockstarre blicken wir heute nach Russland, in den Iran, und nach Uganda. Es werden Homosexuelle verfolgt, verhaftet, verurteilt, getötet. Gegen sie werden eigene Gesetzte erlassen. Wir blicken hin – und angewidert weg. Unfähig, oder besser unwillens zu begreifen, dass so etwas real sein kann. Wir trösten uns damit, dass es uns hier und heute besser geht. Hier und heute in Deutschland.

Wie weit ist jedoch ein Unwohlsein unserer Kanzlerin gegenüber gleichgeschlechtlichen Lebensmodellen entfernt von den Hasskonferenzen eines Herrn Sarrazin? Wie weit ist die offene Formierung homophoben Gedankenguts in der AfD entfernt von denen afrikanischer Bischöfe? Wie weit ist die Petition zur baden-württembergischen Bildungsreform entfernt von Putins Anti-Homogesetzgebung? Die Spanne scheint groß, der Vergleich kaum angemessen. Aber müssen wir das Eine ertragen, nur weil es das Andere gibt? Wo liegt unsere Schmerzgrenze? Heute hier in Deutschland? 

Wir sind sichtbarer, und damit angreifbarer. Aber sichtbar zu sein bedeutet auch, sich wehren zu können. Nein zu sagen, zu Entwicklungen, die schleichend unsere Sichtbarkeit eindämmen wollen. Nein zu sagen, zu Demütigungen, Anfeindungen, Verleumdungen und Ausgrenzungen. Nein zu sagen, zu gesellschaftlich und staatlich legitimierten Rückschritten.

Dafür lasst uns am 27. Januar gemeinsam ein Zeichen setzen!

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