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Schwules Netzwerk NRW (SNW) | 1. November 2013
Diplom-Psychologe Dominic Frohn, GAYCOM 2013

Diplom-Psychologe Dominic Frohn, GAYCOM 2013

Im Impulsreferat der diesjährigen Gaycom am 28.09. in Bielefeld beschäftigte sich Diplom-Psychologe Dominic Frohn mit dem Thema „LSBTTI-Diversity als selbstverständlicher Bestandteil einer modernen Stadtentwicklung“.

Im Interview erläutert er, worum es dabei geht …

Dominic, was genau ist Diversity Management eigentlich?

Grundsätzlich geht es um Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Menschen in ganz unterschiedlichen Dimensionen – sei es Geschlecht, Alter, Nationalität oder eben sexuelle Identität. Ziel ist nicht mehr nur, diese Unterschiede bloß wahrzunehmen, sondern sie wertzuschätzen und möglicherweise im Sinne eines Unternehmens, einer Organisation oder auch einer Region nutzbar zu machen.

Was ist an Diversity anders als an bisherigen Integrationsbemühungen?

Das umfassende Bekenntnis zu Vielfalt in allen Dimensionen. Das bisherige Konzept der Integration ging ja davon aus, Menschen, die anders sind, in eine bestimmte Gesellschaft einzugliedern. Diversity oder Inklusion will Menschen mit all ihren Besonderheiten berücksichtigen, sodass sie sich mit ihren Potenzialen einbringen können.

Hat es in dieser Beziehung auch eine Entwicklung innerhalb der Community gegeben? In der schwul-lesbischen Emanzipation ging es lange um Toleranz, dann erst um Akzeptanz und Respekt.

LSBTTI-Personen, also lesbische, schwule, bisexuelle, transgender, transidente und intersexuelle Menschen, sind sich heute sicherer in dem, was sie fordern können. Sie wissen, welche Rechte sie haben, im Sinne einer gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft. Da hat sich wirklich etwas verändert und große Unternehmen gehen bereits auf diese Veränderungen ein.

Was für gesellschaftliche Rahmenbedingungen machen Diversity denn überhaupt erst möglich?

Ein paar Jahrhunderte zurück standen andere Werte, wie beispielsweise Gehorsam oder Benimm, im Vordergrund. Gegenwärtig ist in unserer postindustriellen Gesellschaft die Unterschiedlichkeit von Menschen aber erlaubt. Wir dürfen mehr so sein, wie wir sind und müssen uns weniger an gesellschaftlichen Normen und Vorgaben orientieren. Das hat natürlich auch Auswirkung auf die Arbeitswelt. Auch für Arbeitgeber gibt es keine unveränderlichen Vorstellungen mehr davon, wie sich Frauen und Männer oder Ältere und Jüngere im Unternehmen zu verhalten haben. Die Beschäftigung von schwulen oder lesbischen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen kann thematisiert werden, was früher nur schwer möglich gewesen wäre.

Ist das eine lineare Entwicklung? Sind die erreichten Erfolge sicher oder muss man da immer wieder dran arbeiten?

Ich glaube, dass es insofern eine lineare Entwicklung gibt, als das westliche Gesellschaften sich juristisch relativ eindeutig in eine Richtung entwickeln – also bzgl. der Rechte für gleichgeschlechtlich lebende und liebende Menschen. Inwiefern diese rechtliche Realität aber auch gesellschaftliche Realität ist, ist eine andere Frage. Das haben wir bei den riesigen Demonstrationen in Frankreich gesehen, das sehen wir in Osteuropa und auch in Deutschland. Da muss man also schon davon ausgehen, dass man hier kontinuierlich Arbeit investieren muss. Und zwar unabhängig von der sexuellen Identität, denn es geht ja genauso um Vorurteile beispielsweise gegenüber Muslimen. Feindlichkeit gegenüber einer bestimmen Bevölkerungsgruppe mit einem bestimmten Merkmal hat in der Regel auch mit Feindlichkeit gegenüber anderen Merkmalen zu tun.

Du bezeichnest LSBTTI-Personen als Trendsetter in Sachen Diversity. Wie meinst Du das?

2004 gab es eine erste Publikation zum Thema „Diversity in der Arbeitswelt“. Da konnte man schon feststellen, dass die damalige schwul-lesbische Subkultur eine Vorreiterrolle einnahm. Meines Wissens hat sich in dieser Zeit niemand anders in dieser Form mit dem Thema auseinandergesetzt. Die Community zeichnet sich durch eine große Offenheit für Vielfalt in allen Dimensionen aus, beispielsweise rund um das Thema schwul-lesbische Alten- oder Behindertenarbeit. Im Grunde genommen kann man das für alle Kerndimensionen durchdeklinieren und feststellen, dass dieser Prozess innerhalb der schwul-lesbischen Selbstorganisation gelungen ist. Nach einer Fachtagung zum Thema „Sexuelle Identität“ hier in Köln haben Vertreter vom Wissenschaftsministerium gesagt, dass es die erste Veranstaltung gewesen sei, bei der nicht nur die eigene, sondern auch alle anderen Kerndimensionen mitgedacht worden seien. Ich glaube das ist etwas, was schwul-lesbische Subkultur besonders auszeichnet.

Werden wir mal konkret: Wie kann man das in der regionalen oder kommunalen Entwicklung umsetzen?

In der ökonomischen Forschung der letzten Jahre hat man drei Faktoren definiert, die zu einer regionalen Entwicklung beitragen – nämlich Technologie, Talente und Toleranz. Man braucht alle drei, um erfolgreich zu sein – um kluge Köpfe an einen Standort zu binden braucht man jedoch vor allem ein offenes Klima, an dem sich das kreative Potenzial orientieren kann. In den USA hat man mittels des schwul-lesbischen Bevölkerungsanteils einen sogenannten Gay Index aufgestellt, der als Indikator für Toleranz und Offenheit dient. In Deutschland gab es vergleichbare Studien erstmals 2010. Man hat feststellen können, dass sich mit diesem Gay Index die Prognosen für wirtschaftlichen Erfolg präzisieren lassen: Wenn ich diesen Faktor berücksichtige, dann habe ich eine bessere Vorhersage zur Strukturentwicklung. Damit stellt sich den Regionen und Städten eine eigentlich leichte Frage: Wie kann ich attraktiv sein für eine schwul-lesbische Bevölkerung?

Und, wie lautet die Antwort?

Das können im Einzelnen völlig unterschiedliche Maßnahmen sein, beispielsweise eine Förderung von kulturellen Veranstaltungen mit einem ganz explizit schwul-lesbischem Inhalt oder die Einrichtung eines Referats zum Thema gleichgeschlechtliche Lebensweisen.

Oder auch die städtische Förderung einer schwul-lesbischen Jugendgruppe?

In jedem Fall, es geht um alle Maßnahmen, die dazu beitragen, dass es ein offenes und freundliches Klima für Menschen alternative sexueller Identitäten gibt.

Interview: Johannes J. Arens

Mehr Informationen zur Gaycom NRW gibt es hier.