Eine politische Veranstaltung

Schwules Netzwerk NRW (SNW) | 2. August 2013

Interview mit Laudator Marcel Dams zur Verleihung der Kompassnadel 2013 an die Redaktionen von Spiegel und Spiegel online

Laudator Marcel Dams bei der Verleihung der Kompassnadel, Köln 06.07.2013

Laudator Marcel Dams bei der Verleihung der Kompassnadel, Köln 06.07.2013

Marcel, Du hast bei der diesjährigen Verleihung der Kompassnadel an den Spiegel die Laudatio gehalten und dafür im Vorfeld eine Menge Kritik einstecken müssen. Worum ging es dabei?

Es gab Leute, die fanden, dass ich zu jung sei, um in dieser Angelegenheit Stellung beziehen zu können. Weil ich ja die negative Berichterstattung des Spiegel in den Anfängen der Aids-Krise nicht miterlebt hätte. Diese Kritik kam vor allem von Aktivisten, die älter sind als ich und sich ganz persönlich an diese Zeit erinnern. Außerdem hat man mir vorgeworden, ich ließe mich instrumentalisieren. Im Grunde genommen ging es um die Angst, dass da jemand kommt und Stellung zu etwas bezieht, dass er selbst nicht miterlebt hat. Das ist irgendwo nachvollziehbar, gleichzeitig aber auch unfair. Es gab aber auch sehr viel differenziertere Stimmen, mit denen ich die Diskussion gerne angegangen bin, auch wenn ich anderer Meinung war und bin.

Hast Du in der ganzen Aufregung im Vorfeld der Kompassnadelverleihung an den Spiegel auch mal daran gedacht, abzusagen und die Laudatio nicht zu halten?

Ja, habe ich – am Dienstag vor dem CSD-Wochenende. Am Montag war das mit der öffentlichen Kritik an meiner Person ja losgegangen. Es hatte vorher schon Leute gegeben, die mich persönlich zur Seite genommen und mir geraten haben, die Laudatio nicht zu halten. Aber dann kam die öffentliche Kritik, beispielsweise in Form von Pressestatements. Das ging dann also noch einen Schritt weiter. Die persönlichen Gespräche vorher fand ich in Ordnung. Das muss man aushalten können, weil man eben nicht jedem gefallen kann. Aber wenn man sich plötzlich in fragwürdigen Kommentaren im Internet wiederfindet, dann kann das schon verletzen. Dienstag habe ich mir dann die Frage gestellt: Mache ich das jetzt, oder nicht? Es gab aber auch Kritiker am Preis, die mich ermutigt haben, die Rede trotzdem zu halten und es kam irgendwann der Punkt, an dem ich dachte: Jetzt erst recht!

Warst Du nervös?

Ja! Man steht vor so einem Moment ganz schön unter Spannung. Wie werden die Leute das finden, was man sagt? Kann ich auch diejenigen repräsentieren, die der der Preisverleihung kritisch gegenüber stehen? Als es vorbei war, war ich ziemlich erleichtert, dass alles gut geklappt hat.

Wie ist das Netzwerk eigentlich auf Dich als Laudator gekommen?

Ein paar Wochen vorher hatte ich beim Runden Tisch von Herzenslust/PositHIV geäußert, was ich über die Preisverleihung denke. Das kam wohl ganz gut an, mein Name ist in einer Vorstandssitzung gefallen und ich wurde gefragt.

Wie waren denn die Reaktionen auf Deine Laudatio?

Positiv. Ich habe noch im Gürzenich mit vielen Leuten gesprochen, die die Verleihung an den Spiegel sehr kritisch sehen und trotzdem mit meiner Rede zufrieden waren. Auch auf dem Straßenfest habe ich größtenteils Stimmen gehört, die meine Position nachvollziehen konnten. Im Vorfeld war es ja eigentlich mehr Kritik als danach. Das hat mich dann doch ein bisschen gewundert.

Es gab im Vorfeld ja auch Reaktionen von Deinem Arbeitgeber – der Aidshilfe NRW. Hat das eine Rolle bei Deiner Entscheidungsfindung gespielt?

Natürlich. Es macht einen Unterschied, ob irgendjemand was dazu sagt, oder ob es der eigene Arbeitgeber ist. Das baut natürlich Druck auf. Im Nachhinein war es ein kurzer Aufruhr und im Endeffekt ist ja nichts Schlimmes draus geworden. Aber erst einmal war das schon beunruhigend.

Es gab ja in diesem Jahr um den CSD herum mit der möglichen Teilnahme der Rechtspopulisten an der Parade und der Verleihung der Kompassnadel an den Spiegel zwei prägnante politische Themen. War der schwule Sommer politischer als andere?

Ich habe vor kurzem mit einem gleichaltrigen Freund gesprochen, der nichts mit schwulen Institutionen oder Organisationen zu tun hat. Der hatte von diesen Themen nichts mitbekommen. Deshalb bin ich mir nicht sicher, ob dieser CSD politischer war als andere. Ich selber lebe in so einer Art Seifenblase, in der ich hauptsächlich mit Leuten zu tun habe, die, wie ich, politisch denken und handeln. Aber ich befürchte, dass man das nicht ohne Weiteres auf die schwule Community übertragen kann.

Der CSD-Empfang war in diesem Jahr aber sicher keine konsensgetragene, schwule Gemeinschaftserfahrung wie sonst, oder?

Im letzten Jahr wurden ja zwei Personen ausgezeichnet, die allein durch ihre Lebensgeschichte unglaublich berührt haben. Das war eine sehr emotionale Veranstaltung. Dieses Jahr war das durch die Preisträger anders und die Verleihung an den Spiegel hat vielleicht kein Gemeinschaftsgefühl gefördert. Es war sicher anders, aber nicht schlechter und im Schulterschluss gegen Rechts waren ja doch wieder alle einer Meinung. Insofern war es eine sehr politische Veranstaltung.

Interview: Johannes J. Arens