“DEIN Kampf um Anerkennung und Gleichberechtigung ist MEINER.”

(SNW) | 10. Juli 2019

Beim CSD-Empfang 2019 in Köln verlieh das Schwule Netzwerk NRW die Kompassnadel an den Blogger und Medienschaffenden Johannes Kram. Die Journalistin Asli Sevindim hielt die Laudatio. Hier gibt es sie nochmal zum Nachlesen:

Liebe Gäste,

es gibt Preisträger, die sind selbst eine Auszeichnung, eine Ehre für den Preis, den sie bekommen. Die Auszeichnung trifft in solchen Fällen auf ein derart herausragendes Engagement, dass seine Strahlkraft auch den Preis noch einmal besonders leuchten lässt.

Der Mensch, den wir heute hier würdigen, ist ein solcher Preisträger.

Dabei geht es um das, WAS er tut, WIE er es tut – und es geht vor allem um die WIRKUNG dessen, was er tut.

Wenn er sich zum Beispiel einen einzelnen Begriff vornimmt – in seinem Blog – wenn er diesen Begriff dekonstruiert, ihn in seine Buchstaben zerlegt und die Denkwelten aufdeckt, die dahinter stecken – so wie er es mit dem Begriff „Homophobie“ tut.

Wenn er sich zum Beispiel eine einzelne Äußerung vornimmt, wie die über die angebliche „Überbewertung einer kleinen Gruppe unserer Gesellschaft“ – wenn er diese Legende seziert und zwar notfalls mithilfe eines online-Aufrufs zur statistischen Erhebung über sexuelle Orientierung und Familienstand deutschen Krimi-Personals.

Dann läuft Johannes Kram zur Hochform auf: Er beleuchtet Begriffe und Bilder und Botschaften – bis wir auch den letzten Winkel eines Gedankengangs SEHEN, der sich am Ende als schlicht homosexuellen-feindlich outet – wo er doch vorher behauptet hatte politisch, sachlich-fachlich oder gar unterhaltsam zu sein.

Johannes Kram schält alle Verkleidung und Verschalung nach und nach ab von Fernsehbeiträgen, Politikerreden, Alltagssituationen, bis nur noch das übrig bleibt, was sich im Kern darin verbirgt: Im besten Fall Ahnungslosigkeit – im schlechtesten: Hass und Verachtung.

Und immer hat das, was er da in den Blick nimmt, mit UNS zu tun. Mit uns ALLEN!

Denn Johannes Kram macht die METHODEN sichtbar, mit denen Menschen zu ANDEREN gemacht werden. Zu anderen, die URSPRÜNGLICH eigentlich NICHT dazu gehören, angeblich.

Er macht METHODEN sichtbar, mit denen Menschen in Gruppen gepresst, zur Masse und zur Angriffsfläche gemacht werden. Es trifft Einen oder EINE. GEMEINT sind aber immer alle.

Johannes Kram geht es um die Systematik mit der Menschen zur Zielscheibe gemacht werden: Von Hohn, von Ausgrenzung, von Entrechtung. Auch deshalb geht sein Einsatz, sein Engagement, seine WIRKUNG weit über einzelne Themen-Bereiche hinaus:

Der Vorstand Neo Argiropoulos überreicht die Kompassnadel an Johannes Kram (links)

… wenn er aufzeigt, wo und wie Homosexuellen-Feindlichkeit zur MEINUNG erhoben wird,

… wenn er nachzeichnet wie Vorurteile zu Wissen umetikettiert werden sollen.

Dann deckt er selbstverständlich auf, womit lesbische, schwule, bisexuelle, trans, inter und queere Menschen ständig konfrontiert werden und leben müssen.

Er öffnet aber gleichzeitig unseren Blick dafür, wie es weiteren Menschen und Communities in unserer Gesellschaft ergeht, die mit den gleichen Methoden zu „Anderen“ gemacht werden sollen …

… er öffnet unseren Blick dafür, wie wir alle aufmerksamer sein können und müssen, um genau solche Methoden zu entlarven und zu benennen.

Am Ende geht es um Sichtbarkeit. Die Sichtbarkeit von Menschen, ihren Lebenswelten, ihren Wünschen und Entscheidungen und Bedürfnissen.

Johannes Kram sorgt dafür, dass wir diese Menschen sehen.
Er macht uns aufmerksam auf Begriffe – darauf wie wir selbst Begriffe verwenden…wie Worte unser Denken und Wahrnehmen prägen.

Das ist auch für mich persönlich, als Journalistin und Sprach-Arbeiterin, einer der zentralen Punkte in der Selbstkritik: In öffentlichen Debatten spielt zum Beispiel die HERKUNFT von Menschen sehr oft eine zentrale Rolle: Wo kommt DER her? Was ist der Hintergrund eines Menschen? Dabei stellen Medien und Medienschaffende diese Frage mit großer Selbstverständlichkeit meist nur in eine Richtung – in die der ANDEREN!

Welche Herkunft aber haben Journalisten? Mit welchem kulturellen Hintergrund operieren eigentlich Medienschaffende im sensiblen und wirkungsreichen öffentlichen Raum?

Identität, Geschlecht, sexuelle Orientierung, Glaube – wenn darüber diskutiert wird, diskutieren wir immer nur über die Identität der ANDEREN. Denn MEINE ist ja normal, meine ist der Standard. Die anderen sind eine Abweichung.

Dabei ist das Kästchen-Denken uns allen nicht fremd. Johannes Kram hat es selbst gesagt: Wir sind alle homophob, wie denn auch nicht…?!
Es lohnt sich sehr auch über diesen Gedanken nachzudenken.
Ich selbst habe mich ehrlicherweise erst durch meine Mitarbeit im Kuratorium bei der AIDS-Hilfe NRW damit beschäftigt, dass es nicht nur Drogen-Sucht gibt, wie ich in meiner Sozialisation „inhaliert“ hatte, sondern auch Drogen-Gebrauch.

Lebenswelten betreten, sich dort umsehen. Den Hauch einer Ahnung bekommen, was Menschen in IHRER Lebenswirklichkeit wichtig ist. Mit seinem Engagement trägt Johannes Kram auch dazu bei.

Das ist nicht nur wahnsinnig wichtig – es klingt auch noch sehr sehr ernst – ich weiß – und das bei einem Menschen, der so großen wunderbaren Humor besitzt, dass wir eigentlich auch viel mehr darüber sprechen müssten: Über die Kunst, die Kultur, die Musik – in seinem Leben – und auch über all die Musik, die er in UNSER Leben bringt.
Irgendwo muss ja all die Energie, die Kraft herkommen, mit der er sich Bigotterie, Hass und Dummheit entgegenstellt! Und das mit Stil und mit Herzlichkeit.

So viel können wir von ihm lernen: Ob er Rassisten den Kampf ansagt oder Coming-Out-Probleme junger Menschen zum Thema macht. Immer macht Johannes Kram klar: Das alles geht auch DICH an!
Wenn jeder die Gelegenheit sucht, zu sagen, dass man damit nichts zu tun hat – dann wird sich für keinen etwas bewegen oder verbessern.

DEIN Kampf um Anerkennung und Gleichberechtigung ist MEINER.

Da wir beide ganz gerne mal in Gruppen, Schubladen und sonstwo hinein gepresst werden, formuliere ich es auch ganz einfach in der Sprache des Kästchen-Denkens. Ich bin ganz bei Johannes Kram, wenn ich sage:

Ich als Kind türkisch-sunnitischer Eltern, die 1971 als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen sind und sich einen Platz in dieser Gesellschaft hart erarbeiten mussten – als dieser Mensch kann ich gar nicht anders als an der Seite von lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans, inter und queeren Menschen stehen.

EUER STREIT IST MEIN STREIT.

Ich möchte und ich muss an der Seite jüdischer Menschen stehen – und auch aller anderer, die gegen Antisemitismus stehen. DIESER KAMPF IST AUCH MEINER.

Überall dort – und auch das macht das Engagement von Johannes Kram deutlich: Überall dort, wo Denken in Handeln mündet, überall dort wo Denken Handeln bestimmt, kann es gar nicht anders sein, als dass genau die Menschen MIT-Entscheiden, um die es geht. Wir mögen uns manches vorstellen können, aber wir können nicht wissen, wie es sich wirklich anfühlt, wenn wir nicht selbst alleine erziehen, schwarz sind oder alt oder schwul oder oder…

Das ist meine Vorstellung von interkultureller Öffnung: Dass wir möglichst viele, wenn nicht gar alle Lebensentwürfe nicht nur versuchen mitzudenken, sondern tatsächlich beteiligen. Und echte Teilhabe geht nur durch Repräsentanz.

Der heute mehrfach erwähnte Karnevalsspruch von Annegret Kramp-Karrenbauer zeigt es deutlich: All das musste erst auf die Ohren, das Herz und das Hirn eines Johannes Kram treffen, damit wir alle begreifen, was da tatsächlich gesagt wurde.

Die Menschen, um die es geht, müssen selbst mitreden und entscheiden können. Nur so wird es uns gelingen diese Gesellschaft der Vielfalt erfolgreich zu gestalten und zu managen.

Johannes Kram bekommt heute etwas von uns – die Kompassnadel 2019 – weil wir zuvor soviel von ihm bekommen haben. Von diesen vielen Dingen möchte ich zum Schluß dieser Lauatio nochmal besonders hervorheben, zur Motivation und Inspiration:
Zitat Johannes Kram: „Und deswegen dürfen wir uns nicht zu schade sein, (…) immer wieder zu widersprechen. Wir dürfen nicht darauf vertrauen, das sich das irgendwann abnützt, dass die Leute erkennen, dass Blödsinn Blödsinn ist. Ignorieren ist leider keine Option. Nein, wir müssen Lüge nennen, was Lüge ist, auch wenn wir das schon tausendmal getan haben.“

Lieber Johannes Kram, als ich gefragt wurde, ob ich die Laudatio auf Sie halten möchte, habe ich mich nur ganz kurz gefragt, was denn das mit mir zu tun hat.

Denn die Antwort ist einfach. Den ersten Teil hat Arne Kayser vorhin gesagt: „Nur gemeinsam sind wir stark!“

Ich ergänze: „Und nur gemeinsam sind wir schön!“

Die Kompassnadel 2019 für Johannes Kram! Herzlichen Glückwunsch!


Die Dankesrede von Johannes Kram gibt es auf: www.queer.de