REDEN ZUM GEDENKEN AN DIE LESBISCHEN UND SCHWULEN OPFER DES NATIONALSOZIALISMUS 2019

(SNW) | 29. Januar 2019

Auch 2019 luden am Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz die Landesverbände zum Gedenken an die schwulen und lesbischen Opfer des Nationalsozialismus ein. Vertreter_innen des Schwulen Netzwerks NRW, der LAG Lesben in NRW, der ARCUS-Stiftung, des LSVD NRW und des Arbeitskreises Regenbogen in ver.di Köln legten am Mahnmal für die lesbischen und schwulen Opfer des Nationalsozialismus „totgeschlagen – totgeschwiegen“ in Köln Blumen nieder. Die Zauberflöten untermalten das Gedenken musikalisch.

Marlis Bredehorst, Staatssekretärin a.D. und Vorstand der ARCUS-Stiftung begrüßte die zahlreichen Teilnehmenden. Wilhelm Kutsch (Vorsitzender Förderverein Centrum Schwule Geschichte, Köln) hielt die Gedenkrede:

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen, liebe Freunde, verehrte Anwesende,

“TOTGESCHLAGEN – TOTGESCHWIEGEN“ „DEN SCHWULEN UND LESBISCHEN OPFERN DES NATIONALSOZIALISMUS”

Mit dieser in Stein gemeißelten Inschrift wurde bewusst nicht zwischen Erleiden, Demütigung, Erniedrigung, Verhöhnung oder Mord unterschieden, ebenso nicht zwischen den verschiedenen Geschlechtern, oder Opfergruppen. Seit nun mehr als 24 Jahren gedenken wir an diesem Denkmal, bestehend aus einem rosa Winkelblock, zwischen zwei grauen Blöcken ein gezwängt, als Symbol der Verfolgung, der Unterdrückung und Ermordung der lesbischen Frauen und schwulen Männer Kölns.

Die Initiative, ein solches Mahnmal zu errichten, ging vom Arbeitskreis Lesben und Schwule der Gewerkschaft ÖTV Köln aus, deren Mitglied Jörg Lenk die treibende Kraft für die Realisierung des Mahnmals war. Angeregt wurde das Projekt eines Kölner Mahnmals durch die 1991 gezeigte Ausstellung „Verführte Männer“ das Leben der Kölner Homosexuellen im 3. Reich, seitens des Centrum Schwule Geschichte. Das Kölner Mahnmal folgte einer gelebten Neu-Interpretation des Rosa Winkels als Symbol von „Nicht Vergessen“ „Selbstbewusstsein“ und „Nie wieder“.

Es dient uns als Mahnung, gegenwärtigen und zukünftigen Gefahren nicht gleichgültig gegenüberzustehen.

Denn besteht nicht die Gefahr des Vergessens, des Verdrängens durch die verschiedenen Wahrnehmungen und Bewertungen, da diese an Schärfe und Intensität in dem Maße abnehmen werden, da Zeitzeugen, seien es Lesben oder Schwule, nicht mehr leben und hier eine Überlieferungskultur somit langfristig eher schwächer werden wird?

An dieser Stelle könnten sich einige Zeitgenossen die Frage stellen … brauchen wir dann noch ein Mahnmal, oder einen Gedenktag? Wer sollte dorthin gehen und wem soll das nutzen? Dem Kölner Durchschnittsbürger, Touristen, Politikern, Lehrern mit ihren Schülern, oder etwa den Lesben und Schwulen selbst? Ist es da nicht sinnvoller das Thema Verfolgung, Inhaftierung und der Ermordung von Homosexuellen in der NS-Diktatur in den Familien und Schulen zur Sprache zu bringen? Und wäre es nicht auch besser, die Ausgrenzung und Verfolgung mit ihren menschenverachtenden Erscheinungen während der NS-Diktatur und der Nachkriegszeit mit seiner Kriminalisierung von Lesben und Schwulen, mehr ins öffentliche Bewusstsein zu transportieren?  Zum Beispiel durch Unterrichtmaterial, Ausstellungen, Bücher oder vielleicht TV-Serien usw. Das alles hat seine Notwendigkeit, sind sie doch aktive Formen der Auseinandersetzung mit der vergangenen Wirklichkeit. Nun stellt sich die Frage nach dem Ziel, das klingt nach Zweckmäßigkeit, nach Brauchtum / Tradition, nach Ritual. Letzteres darf nicht zur inhaltslosen Formel erkalten.

Tradition braucht auch einen Ort, einen Ort, wo man sich versammeln kann.

Es braucht einen Ort der symbolisch nach Erinnerung ruft und von einer lebendigen Diskussion und Aufarbeitung der vergangenen und gegenwärtigen Geschichte begleitet wird. Ein Gedenktag, wie der heutige, darf aber niemals zum leeren Datum von Pflichtritualen werden, sondern sollte immer ein verständliches Signal für das Gedenken an die NS-Opfer in der Öffentlichkeit sein, ebenso immer auch ein Protest gegen Diskriminierung, Verfolgung, oder Gewalt gegen lesbische Frauen und schwule Männer in der Gegenwart und auch in der Zukunft.

Angesichts der wachsenden Distanz zur NS-Zeit, der Nachkriegszeit, der 50er und 60er Jahre, schwindet das Bewusstsein der Erinnerung über Verfolgung, Verschweigen, Verurteilung und über die Lebensumstände jener Zeit von Lesben und Schwulen in unsere schnelllebigen Zeit. Zur Erinnerung in den Jahren 1933 – 1943 wurden 45422 Homosexuelle nach § 175 RSTGB verurteilt, etwa 10.000 homosexuelle Männer wurden in den NS-Konzentrationslagern inhaftiert und viele von ihnen ermordet. Nach 1945 war das Schweigen eine Art Kontinuität in der Verfolgung, denn der §175 galt ja weiter, so dass sich viele Überlebende nicht trauten, Entschädigungen wegen KZ-Haft zu beantragen, da sie sich der Gefahr erneuten sozialer Diskriminierung und rassistischer Verfolgung ausgesetzt sahen.

Erschwerend kam hinzu, dass gegen schwule Männer weiterhin Razzien und Strafverfolgung, und dies bis zur ersten Gesetztes- Reform des Paragrafen 1969, teilweise sogar bis zur endgültigen Abschaffung des § 175 StGB im Jahre 1994, in Einzelfällen durchgeführt wurden.
Die erste Generation von Schwulen nach dem Faschismus durfte sich also an die Opfer nicht erinnern, es gab sie einfach nicht für die Öffentlichkeit, nicht für den neuen Staat Bundesrepublik Deutschland. Wenn auch zwischen 1953 und 1969 jährlich fast 2.800 Männer nach § 175 StGB verurteilt wurden.

Als die zweite Generation anfing sich zu erinnern, konstruierten sie eine direkte Verbindung zu den Opfern des Faschismus.

Schwule Initiativgruppen waren sich der individuellen Schicksale der Unterschiede zwischen den verfolgten Minderheiten sehr bewusst; sie plädierten explizit für eine differenzierte Betrachtung aller Opfergruppen einschließlich der Lesben und Schwulen. Im Zuge der 68er-Bewegung, die auch eine sexuelle Revolution war, forderten Homosexuellengruppen ihre Rechte auf Selbstbestimmung ihrer Sexualität, sie verlangten, dass der Paragraf 175 StGB gänzlich aus dem deutschen Strafrecht gestrichen wird.

Die heutige Generation brauchte die Identifikation mit den lesbischen und schwulen Opfern des Faschismus nicht mehr, um ihre eigene, durch gesellschaftliche Geringschätzung entstandene Schädigung zu verarbeiten. Heutige Lesben und Schwule haben ihren Platz in der Gesellschaft gefunden, wenn auch nicht alle Wünsche erfüllt sind. So schwierig sich die Umsetzung der Wahrheitsfindung gelegentlich auch gestaltet, so können sich die Resultate unserer gemeinsamen geschichtlichen Aufarbeitung sehen lassen. Hier dürfen wir nicht nachlassen, dies weiterzuführen.
Hier müssen alle Verantwortung übernehmen, dass dieses „Vergessen“ nicht eintritt, dass die geschichtlichen Tatsachen der Verfolgung und der Vernichtung von Homosexuellen „nicht verzerrt“ und als gesichtsloses Kollektiv dargestellt wird.

Zur moralischen Pflicht, für die zukünftige Generation von LSBTI* (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transsexuelle, Transgender und Intersexuelle) gehört, neben ihrem Drängen auf Selbstbestimmung, noch eine wichtige zentrale Aufgabe, nämlich für die Stärkung des kollektiven Gedächtnisses unserer Vergangenheit zu sorgen.

Meine Antwort auf die Frage „Warum nun ein Denk- bzw. Mahnmal?“

Erstens: ein Denk- oder Mahnmal ist wichtig für die Erinnerung an die Ermordeten, an das ertragene menschliche Leid von Lesben und Schwulen während des NS-Regimes.
Zweitens: Solche symbolischen Stätten sind immer eine Form des öffentlichen Erinnerns, als kollektive Sinnzuweisung und für öffentliche Aufmerksamkeit, aber nicht als eingefrorene ritualisierte Kommunikation.
Drittens: ein Denkmal sollte dazu einladen, der heutigen und der vergangenen Opfer homophober Gewalt, sei es gegen Lesben oder Schwule, anzuklagen.

Ebenso braucht es aber auch Orte für die Aufarbeitung des Geschehenen, als Kristallisationskerne des Verstehens, darüber hinaus des Erklärens. Diese finden wir im NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln, im Centrum Schwule Geschichte und im Frauen Geschichtsverein. Die seit vielen Jahren über die Kölner Lokalgeschichte der Homosexuellen informieren, Geschichtlich aufklären, über das rationale Verstehen der Verfolgung, sowie eine persönliche Aneignung durch historische Dokumente, Zeitzeugenberichte, Gegenstände/Exponate, Ausstellungen, literarische Dokumentationen und zahlreiche Veröffentlichungen ermöglichen.

Nicht zuletzt liegt die Bedeutung der Arbeit darin, dass mit ihr an das Schicksal einer verfolgten Minderheit im NS-Regime erinnert und im Bewusstsein der Menschen wachgehalten wird. Und dies ist aber nur ein Teil unserer Erinnerungskultur. Wir (die wir hier stehen) sind der andere Teil der Erinnerungskultur. Mit unserer Präsenz an dieser Stelle zeigen wir heute, dass wir an die vergangenen, menschenverachtenden Ereignissen der NS-Zeit erinnern und gedenken. Zugleich wollen wir aber auch vor einer Entwicklung mahnen, in der Rechtsradikale in den Parlamenten beginnen unverhohlen die Gräuel des Nazi-Terrors zu relativieren. Hier müssen wir Zeichen setzen und gegenwirken, mit allen demokratischen Mitteln gegen den heutigen Trend zu Nationalismus, der sich jetzt in seiner Verkleidung in bürgerlichem Gewand zeigt.

Stellen wir uns alle dieser Verantwortung, wir sind es den Opfern “TOTGESCHLAGEN – TOTGESCHWIEGEN“ schuldig.

Nur mit einem starken solidarischen Selbstbewusstsein, werden wir den rechtpopulistischen Geist und den unheilbringenden Fremden-/ Homosexuellen-Hass in Deutschland und in der Welt besiegen.

Liebe Freundinnen, liebe Freunde, verehrte Anwesende,
Hier stehen wir und können nicht anders!

Zugleich mahnen wir an, dass sich alle demokratischen Parteien im Bundestag für die Rechte von LSBTIQ* – nicht nur in Deutschland – sondern auch weltweit einsetzen.

Und das sollte unverzüglich geschehen – ohne Wenn und Aber …

Danke für eure Aufmerksamkeit.